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Radio TuVilla

Januar 2011 offen


Beiträge & Artikel

Résumée des Schüleraustausches zwischen Villa El Salvador und Tübingen

In unserer dritten Ausgabe von TuVilla waren SchülerInnen und LehrerInnen vom Colegio Fé y Alegría zu Gast bei uns im Studio hier in Villa El Salvador. Thema war der dreiwöchige Besuch des Uhland-Gymnasiums im Oktober dieses Jahres. Im Interview sprechen wir über ihre Erfahrungen mit der deutschen Kultur, ihre Eindrücke von Tübingen, die Intention des Austausches und über das, was sie davon mitgenommen haben, besonders im Hinblick auf die Städtepartnerschaft.

Stellvertretend für alle Schülerinnen und Schüler, die an dem Austausch teilgenommen haben, sprachen wir im Interview mit Brenda (16 Jahre), Juan (15), Alexander (16) und Jakob (15), sowie der (beg)leitenden Lehrerin Judith (Geschichte) und dem Lehrer Raúl (Kunst). Da die Sendung auf Spanisch ist, haben wir hier eine Zusammenfassung des Interviews auf Deutsch verfasst. Viel Spaß beim Lesen! 

 

Was war euer erster Eindruck von Tübingen?

Tübingen ist sehr grün und bunt. Die Jahreszeiten sind sehr ausgeprägt im Vergleich zu Peru. Wir waren im Herbst dort und es war wunderschön die gelben und orangenen Blätter zu sehen.

Es ist eine sehr ruhige und ordentliche Stadt. Die Leute und die Züge sind sehr pünktlich. Villa El Salvador ist dagegen laut und chaotisch.

Die Menschen waren sehr freundlich und hilfsbereit und der Umgang mit Ausländern sehr selbstverständlich. Auch die Selbstverständlichkeit, mit der bereits die Schüler im Alter von sechs, sieben Jahren alleine zur Schule gehen hat uns beeindruckt. In Villa El Salvador werden die Kinder wegen der mangelnden Sicherheit von ihren Eltern überall hin begleitet. Die Gefahr überfallen und ausgeraubt zu werden ist dort zu groß.

Der Verkehr in Tübingen ist sehr anders als in Villa El Salvador. Uns ist aufgefallen, wie Viele hier mit dem Fahrrad fahren. Und zwar nicht nur die Jugendlichen, sondern auch die Erwachsenen! So vermeiden die Leute Umweltverschmutzung und viel Verkehr, anders als in Villa El Salvador, wo kaum jemand Fahrrad fährt. Es gibt in Tübingen sogar extra Stationen für die Busse, an denen sie halten und abfahren. In Villa gibt es keine festen Stationen, man kann an jeder Ecke ein- und aussteigen. Die Leute und die Autofahrer in Tübingen respektieren die Ampeln und die Fußgänger haben Priorität. Die Autos warten, bis die Fußgänger die Straße überquert haben. In Villa ist das undenkbar.

Umweltschutz ist in Tübingen sehr wichitg. Der Müll wird in Plastik, Papier und Organisches getrennt. Besonders die Pfandautomaten haben uns gefallen. Man kann seine alten Flaschen abgeben und bekommt dafür Geld! Darum haben wir immer nach Pfandflaschen geschaut und sie dann zum Automaten gebracht.

 

Das klingt ja nach sehr positiven Eindrücken! Gab es denn auch etwas, das ihr an Villa El Salvador, an Peru vermisst habt?

Ja auf jeden Fall. Zum Beispiel die Spontaneität. In Deutschland lebt jeder nach seinem eigenen Rhythmus. Alles war sehr durchgeplant, so dass es wenig Zeit gab, um mal Luft zu holen und einfach beisammenzusein.

Auch die Lebendigkeit Villa El Salvadors haben wir vermisst. Hier ist immer etwas los. In den Bussen und Autos reden die Leute miteinander oder es läuft Musik. In Deutschland war immer jeder für sich. Es war still in den Bussen! Und Sonntags waren die Straßen leer und keine Läden hatten geöffnet.

Das peruanische Essen haben wir auch vermisst... Ají (scharfe Soße, die in Peru zu jeder Mahlzeit gegessen wird), Inka Cola – die gab es in Tübingen gar nicht. 

 

Was war die Intention eures Besuches in Tübingen?

Die Intention unseres Besuchs war der gemeinsame Austausch von Themen, wie die Unterschiede der beiden Städte, die globale und lokale Kultur, das andine Weltbild und Umweltschutz.

Wir hatten auch die Möglichkeit unsere Kultur zu zeigen. Zum Beispiel traditionelle Tänze (aus der Selva, der Dschungelregion Perus, bei dem nur Tücher und sehr wenig Kleidung getragen wird oder auch kreolischer Walzer, ein etwas eleganterer Tanzstil), die Art zu denken, die Ideologie der Bauern oder auch der Kartoffelanbau.

Wir haben den SchülerInnen ein paar Tänze beigebracht. Es stimmt schon, dass die Deutschen ein wenig steif tanzen, die Peruaner sind da beweglicher. Aber nach ein wenig Übung ging es schon viel besser. Die SchülerInnen haben sehr schnell gelernt.

 

Wie und über was konkret habt ihr euch ausgetauscht?

Natürlich haben wir uns viel über die verschiedenen Kulturen und unsere Städte ausgetauscht. Auch der Austausch von Wörtern und der Sprache gehörte dazu. Wir sprechen leider kein Deutsch oder Englisch, deshalb haben wir uns auf Spanisch unterhalten und konnten trotzdem das ein oder andere deutsche Wort mitnehmen.

In einer Geografieklasse am Uhland-Gymnasium haben wir eine Präsentation über Peru gemacht. Dabei haben wir vor allem über die Folgen der Palmölproduktion gesprochen, die ja besonders uns im globalen Süden betreffen. In Deutschland essen die Leute sehr viel Nutella und viele der Schülerinnen und Schüler wussten gar nicht, dass das Palmöl enthält und somit bedenklich ist, wegen der Produktion, die der Umwelt bei uns in Südamerika, in Peru sehr schadet.  

Außerdem waren wir in der Hirsch-Begegnungsstätte und haben am Solidaritätsessen für Los Martincitos teilgenommen. Auch hier haben wir von Peru erzählt und sogar peruansiches Essen mitgebracht. Das hat aber vielen nicht so geschmeckt...

Wir waren auch beim Radio Wüste Welle und haben über den Austausch geredet. Auch mit dem Bürgermeister von Tübingen haben wir gesprochen, um die Partnerschaft der beiden Städte zu stärken.

Wir haben (getreu dem Motto „Gemeinsam ackern“) viel über das Thema Landwirtschaft geredet. Eine Botschaft war die Wichtigkeit der Landwirtschaft der Länder des Südens für den industrialisierten Norden. Unsere Bauern pflegen einen sehr liebevollen und respektvollen Umgang mit dem Essen und der Erde. Da kann sich der Norden noch eine Scheibe von uns abscheiden. Wir müssen auf unseren Planeten aufpassen!

„Kein Teil der Welt kann ohne den anderen überleben. Der Norden kann nicht ohne den Süden oder der Süden ohne den Norden überleben. Das ist etwas sehr Wichtiges, das viele nicht sehen. Vielleicht hat der Norden die Technologie, um die Rohstoffe umzuwandeln. Aber ohne die Rohstoffe, die wir aus dem Süden geben, kann der Norden nichts tun.“ - Alexander

 

Welche Sehenswürdigkeiten habt ihr besucht, was habt ihr so unternommen?

Wir waren im Ritter Sport Museum. Oft kommt die Schokolade ja aus den Ländern Südamerikas, wie Peru oder Kolumbien. Aber hier wurde die Schokolade lokal produziert.

Auf einem Bauernhof haben wir eine Führung bekommen und bei der Herstellung von Milch und dem Melken der Kühe zugesehen.

Wir waren im Museum, auf dem Schloss, haben die Stiftskirche besichtigt und das berühmte Entenrennen auf dem Neckar verfolgt.

 

Welches Essen habt ihr in Deutschland kennenlernt?

Maultauschen, Spätzle, Apfelkuchen, Waffeln... Besonders viel haben wir Yufka gegessen. Nach der Schule sind wir oft zum Döner gegangen.

Die Essgewohnheiten waren wirklich sehr anders. Bei uns in Peru gibt es zu Mittag immer zwei Gänge. Ein „Entrada“, zum Beispiel Suppe oder so, und ein „Segundo“. Es wird sehr viel und aufwendig gekocht. Hier in Deutschland kann es sein, dass nur ein Brot zu Mittag gegessen wird.  

Vor allem ein Unterschied ist uns aufgefallen. In Peru wird sehr viel Fleisch und viel Hühnchen gegessen. Es gibt kaum jemanden, der sich vegetarisch oder gar vegan ernährt. In Deutschland hingegen wird sehr viel Gemüse gegessen. Es gab viele Möglichkeiten in Tübingen vegetarisch oder vegan zu essen. Das gibt es bei uns nicht. 

 

Was bedeutet die Partnerschaft zwischen Villa El Salvador und Tübingen für euch?

Die Partnerschaft gibt uns die Möglichkeit, die peruanische Kultur zu teilen. Man realisiert oft erst, wenn man woanders ist, was die eigene Identität ausmacht und welchen Wert deine Kultur hat. Wir können die verschiedenen Lebensstile und Systeme beobachten, von denen man sich etwas abschauen und voneinander lernen kann. Man nimmt einzelne Aspekte mit und kann diese versuchen, in seiner Stadt zu verändern.

Die Partnerschaft hilft uns außerdem über die wichtigen Themen in der Welt zu sprechen. Das öffnet den Geist und erweitert den Horizont. Dieser Austausch hat unser Denken sehr verändert. Wir haben gelernt, dass es nicht nur wichtig ist, auf unsere Zukunft in Peru, sondern als Weltenbürger auf eine globale Zukunft zu blicken. Wir sehen tausende von Probleme in dieser Welt. Auch wir müssen Teil der Veränderung sein.

Die Partnerschaft ist von großer Bedeutung, um Lösungen für gemeinsame Probleme zu suchen. Zwar haben Peru und Deutschland eine andere Sprache, eine andere Kultur, aber wenn man genau hinschaut, haben wir im Endeffekt die gleichen Probleme und denen sollten wir Aufmerksamkeit schenken.

Dieser Austausch war eine tolle Möglichkeit, etwas dazu beitragen zu können, dass diese Partnerschaft lebendiger denn je ist und wir sie mit unserer Präsenz stärken konnten. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an alle, die dazu beigetragen haben, diesen Austausch zu ermöglichen!

 

Wir sind schon am fast am Ende der Sendung. Noch ein paar Schlussworte...

„Wir müssen voneinander lernen, die Traditionen und Gewohnheiten respektieren und gemeinsam global denken.“ – Judith

Am Ende kamen wir alle - die SchülerInnen und LehrerInnen des Uhland-Gymnasiums und des Colegios Fé y Alegría – zu dem Schluss, dass es die Aufgabe der gesamten Menschheit ist, als Hausmeister der Erde auf unsere Umwelt Acht zu geben. Und das ist das große Problem, dass viele von uns nicht erkennen, dass die Zukunft der Menschheit gehört. Und wir sind alle Menschen, egal ob sie im Norden oder Süden sind, ob sie viel Geld oder wenig Geld haben, ob sie schön tanzen oder nicht schön tanzen.


Audio

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Download (46,89 MB)
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