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Januar 2011 offen


Beiträge & Artikel

Die Zeit des Sendero Luminoso

Die zweite Ausgabe von TuVilla haben wir dem Thema Sendero Luminoso gewidmet. Diese Zeit des Terrors der Jahre 1980-2000 ist ein Meilenstein der Geschichte Perus, die die Gesellschaft, die Kultur und die Politik nachhaltig geprägt hat.

Entstehung

Die Partido Comunista del Perú –Sendero Luminoso, oder einfach nur Sendero Luminoso ("Leuchtender Pfad") ist eine marxistisch-leninistisch-maoistische Partei und Terrororganisation. Gründer des Sendero Luminoso war Abimael Guzmán alias Presidente Gonzalo; Philosophieprofessor an der Universidad Nacional San Cristóbal de Huamanga in Ayacuho. Er sympatisierte mit den marxistischen Ideen des peruanischen Politikers, Journalisten und Schriftstellers José Carlos Mariátegui, die eine Umwälzung der bestehenden Gesellschaftsordnung in Peru vorsahen. Ende der 60er Jahre reiste Guzmán nach China. Es war die Zeit der Kulturrevolution - eine Beseitigung der bestehenden kulturellen Strukturen durch kriegerische Mittel, die das Land in Chaos stürtzte. Es kam zu massiven Menschenrechtsverletzungen und so kostete die zehnjährige Kulturrevolution in China mindestens 400.000 Menschen das Leben. Auslöser dieser Revolution war Mao Zedong, Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas, sowie Gründer und Führer der Volksrepublik China. Sein Ziel war die Stärkung seiner Autorität und Macht und die Beseitigung seiner politischen Gegner. Geprägt von dieser Reise nach China, begann Guzmán mit politischer Agitation, mit Hetze und Propaganda an der Universität in Ayacucho. Er verbreitete die maoistische Ideologie unter seinen Studenten und sammelte Anhänger. So schaffte er die Basis für einen Volkskrieg, mit dem er den Umsturz der bestehenden Gesellschaftsordnung evozieren wollte. Das war sein politisches Ziel, das er 1970 mit der Gründung des Sendero Luminoso verfolgen wollte.

Das schlechte Bildungssystem der 80er Jahre spielte Guzmán in die Karten. Es bruhte auf einem autoritären Modell, das den Lehrern viel Macht verschaffte und die Meinungen der Schüler zurückstellte. Zudem ging es den Menschen im Andenhochland schlecht. Sie lebten in prekären Verhältnissen und die Chancen auf Arbeit standen trotz Hochschulabschluss schlecht. Gerade die indigene Bevölkerung litt, da sie zusätzlich der Diskriminierung ausgesetzt war und wegen ihres Aussehens benachteiligt wurde. So stieß Guzmán bei der Bevölkerung im Andenhochland partiell auf Zustimung, da den Menschen eine Umwälzung, eine Veränderung ihrer Lebenssituation gerade recht kam. Es war die Ausgrenzung, die Unzufriedenheit mit der Gegenwart und das Versprechen einer neuen Gesellschaft, durch die Guzmán viele junge Menschen mobilisierte. Da es aber auch Viele gab, die von der Ideologie und Idee einer Gesellschaftsumwälzung nicht überzeugt waren, griff Guzmán zu härteren Mitteln. Zwangsrekrutierungen, Drohungen aller Art, Terror und Kindesentführungen gehörten dazu.

 

Die Zeit des Terrors

Guzmán hatte mit Sendero Luminoso ein Netz aus Anhängern und Rekruten aus dem Andenhochland geschaffen. Die Strategie mit der Sendero Luminoso vorging hatte sich Guzmán von Mao Zedong abgeschaut: sie erkämpften sich sogenannte Guerillazonen, Kriegsgebiete, aus denen sie die Regierungskräfte vertrieben und somit eine „befreite Zone“ schafften. Ziel war es, das ganze Land zu „befreien“. Dabei lag der Fokus zunächst auf den ländlichen Regionen, um die Städte nach und nach zu destabilisieren.

Das Zitat eines Mitgliedes des Sendero Luminoso offenbart die schreckliche Strategie der Organisation: „Manchmal ist die Verbreitung des Terrors notwendig, weil die Massen Vorteil aus der Situation ziehen wollen. In diesem Fall muss man Angst und Terror verbreiten, denn nur dann werden sie die Partei respektieren. Den Menschen soll man Angst machen. Die, die die Partei kennen, respektieren sie. Bei denen, die die Partei nicht kennen, soll man Angst erzeugen. Wenn du nicht tötest, wirst du getötet.“

Im Mai 1980 rief die Militärregierung dann erstmals nach zwölf Jahren Wahlen aus. Der Sendero Luminoso rief dazu auf, die Wahlen zu boykottieren und erklärte stattdessen den Guerillakrieg. So fand am 17. Mai dieses Jahres, am Vortag der Wahlen, der erste Kriegsakt des Sendero Luminoso statt. Die Wahlurnen im Dorf Chuschi in der Provinz Ayacucho wurden verbrannt. Noch vermutete man eine Einzeltat. 

Doch es folgte Gewalt: Straßenhunde wurden getötet und in Lima an den Verkehrsampeln aufgehängt – um den Hals Propagandaplakate. Nach und nach verübte der Sendero Luminoso immer mehr Attacken und wurde jedesmal gewalttätiger. Auf selektive Morde folgten Bombenanschläge auf Polizeistationen und auf Bürgermeister, um die Reaktion des Staates zu provozieren. Die Opfer des Sendero Luminoso waren meist Leute, die für den Staat arbeiteten oder Kleinbauern, die sich der Rekrutierung widersetzten. Den Opfern wurde die Zunge herausgeschnitten, Dynamitstange in den Mund gestopft, der Bauch aufgeschlitzt, Kopf und die Füße abgeschnitten und verkehrt herum wieder angenäht; oder das Gesicht wurde mit einem Felsbrocken zertrümmert.

Im Dezember 1982 rief der Staat den Ausnahmezustand für die Provinz Ayacucho aus. Von da an kontrollierten militärische Streitkräfte die Region mit dem Befehl die Rebellion im Keim zu ersticken. Zu den Streitkräften gehörten auch die „Sinchis“, eine Fallschirmjägereinheit von der Küste. Sie kannten die andine Kultur nicht und erst recht nicht die Sprache der Indigenen: Quechua. Die Sinchis galten als besonders rassistisch und skrupellos. Da der Sendero Luminoso in seinen Kriegsgebieten die indigenen Bauern zwangsrekrutierte, war für die Streitkräfte jeder Bauer im Andenhochland ein potentieller Terrorist. Die Senderistas trugen zudem keine Uniform oder ähnliche Erkennungsmerkmale, so dass sie sich von der Bevölkerung nicht unterscheiden ließen.

Die Folge war eine regelrechte Abschlachtung der ländlichen Bevölkerung der südlichen Andenregion Perus. Der Sendero Luminoso kämpfte gegen alle, die nicht aus seinen Reihen waren und das Militär kämpfte gegen alle, die ihnen verdächtig erschienen und die sich den Senderistas anschlossen. Es wurde nicht zwischen unschuldig und schuldig unterschieden. Verstöße gegen die Menschenrechte und Gräueltaten gegen die Quechua-Bevölkerung von Seiten der Sinchis, führten dazu, dass die ländliche Bevölkerung Hass gegen das Militär hegte. Das Militär waren für sie grausame Mörder und die Senderisten gewannen gleichzeitig an Sympatisanten, die sich mit ihnen an dem Militär rächen wollten. Es war ein Massaker von beiden Seiten.

Allein im Jahr 1983 wurden in der Provinz Ayacucho hunderte Menschen brutal ermordet. Im April waren es die Senderistas, die 67 Menschen in Lucanamarca, darunter 24 Kinder, ermordeten. Im Laufe des Jahres richteten sie 135 Bewohner des Dorfes Uchuraccay hin und löschten es somit nahezu aus. In Uchuraccay wurden außerdem acht Journalisten von indigenen Bauern (Campesinos) mit Ackergeräten erschlagen. Jedoch war der Mord durch die Sinchis forciert, da sie den Auftrag erteilt hatten, alle, die in das Dorf kamen, zu töten, da es sich um Senderistas handeln würde.

Die militärischen Streitkräfte waren ebenso verantwortlich für das Massaker in Putis an 123 Frauen, Männern und Kindern aus den umliegenden Ortschaften. Die Menschen wurden unter dem Vorwand, vor den Sendero Luminoso beschützt zu werden nach Putis gebracht. Dort wurde ihnen mit vorgehaltener Waffe befohlen eine Grube auszuheben. Die Frauen wurden vergewaltigt, dann wurden alle Gefangenen erschossen und in die Grube geworfen.

In diesem Stil ging es weiter. Die Senderisten weiteten ihr Kriegsgebiet immer weiter aus. Mitte der 80er Jahre mischten weitere Guerillagruppen in dem erbarmungslosen Kampf gegen das System mit. Dazu gehörte auch die MRTA – Movimiento Revolucionario Túpac Amaru. Wie der Sendero Luminoso rekrutierten sie andine Bauern und zwangen sie zum Kämpfen und zum Drogenanbau. Besonders das indigene Volk der „Asháninka“ waren von diesen Repressionen der beiden Terrororganisationen betroffen.

Der Sendero Luminoso errichtete zeitgleich eine Drogenbürokratie mit Garantiepreisen und festen Produktionsmengen für die Bauern. Sie erhoben für jeden der vielen Kokain-Bomber, die täglich Richtung Kolumbien abhoben, eine Startgebühr. So gewannen sie 40 Millionen Dollar im Jahr. Über die Hälfte des Weltbedarfs an Kokain wurde aus dem breiten Huallaga-Tal befriedigt, wo 200 000 Bauern auf Kokaplantagen gehalten wurden.

Mitte der 80er Jahre begannen die Senderisten auch in der Hauptstadt Lima mit Anschlägen. Gerade in den Armenvierteln hatten sie ein Netzwerk aus Terroristen, die für Unsicherheit und Angst sorgten. Die Gemeinschaftsküchen, die Hoffung der Armen und Hungernden in den Elendsvierteln, waren ein beliebtes Anschlagsziel. Genauso wie Bombenanschläge auf andere linksgesinnte Organisationen und auf die Stromversorgung. Reihenweise fiel die Straßenbeleuchtung in den Distrikten Limas aus.

Auch in Villa El Salvador bestand dieses terroristische Netzwerk. Am 15. Februar 1992 kam es zur Ermordung von María Elena Moyano Delgado, stellvertretende Bürgermeisterin und Frauenrechtlerin des selbstverwalteten Bezirks im Süden der Hauptstadt. Sie wurde vor den Augen ihrer zwei Kinder mit Maschinengewehren erschossen, ihr Körper wurde mit Dynamit gesprengt.

Anfang der 90er Jahre beherrschte Sendero Luminoso bereits die Hälfte des Landes, über 25000 Menschen hatten sich ihm angeschlossen oder wurden zwangsrekrutiert. Eine Sonderkommission des peruanischen Senats hatte eine Tötungsrate von zehn politisch motivierten Morden pro Tag errechnet. Polizisten begangen 15 % aller Straftaten im Land.

 

Zerschlagung des Sendero Luminoso

Am 05. April 1992 löste Perus Präsident Alberto Fujimori mit Hilfe des Militärs den Kongress ohne Vorankündigung auf, da es zuvor immer wieder zu Konflikten zwischen dem Präsidenten und dem Parlament kam. Er suspendierte zusätzlich alle verfasssungsmäßigen Rechte der Judikative. Gestützt auf Geheimdienst, Militär und Bewaffnung von Bürgerwehren (Comités de Autodefensa) in den betroffenen Gebieten, gelang es ihm schließlich, den Sendero Luminoso zu zerschlagen. 

Zudem änderte das Militär seine Strategie, indem es versuchte die Landbevölkerung zu überzeugen, anstatt zu bekämpfen. Zum ersten Mal wurden in nennenswertem Ausmaß Offiziere in die Dörfer geschickt, welche Quechua sprachen und die oft in der traditionellen Kleidung der Bauern gekleidet waren. Das und die enorme Brutalität der Senderistas führte dazu, dass die Guerillas im ländlichen Raum zunehmend die Unterstützung der Bevölkerung verloren.

Im September 1992 wurde Guzmáns Versteck in Lima aufgespürt. Er und mehrere Mitglieder der obersten Führung der Terrorgruppe wurden verhaftet. Guzmán bot nach seiner Verhaftung die Zusammenarbeit mit der Regierung an, um eine mildere Strafe zu bekommen. Dadurch konnte ein Großteil der Kämpfer aufgespürt und entwaffnet werden. Bis Ende 1994 gaben 6.400 Rebellen ihre Waffen ab. Die Zerschlagung des Sendero Luminoso hatte jedoch auch zur Folge, dass sich eine kleine Gruppe von Senderisten abspaltete und den bewaffneten Kampft unter dem Namen "Sendero Rojo" weiterführen wollte. Geschätzte hundert Mitglieder zählte diese Organisation noch im Jahre 1998. Doch bis heute bilden sich neue Splittergruppen. 

Die Verhaftungen und die erfolgreiche Bekämpfung des Sendero Luminoso benutzte Präsident Alberto Fujimori, um seinen Staatsstreich vom 05. April 1992 zu legitimieren. Die Mittel, mit denen Fujimori den Leuchtenden Pfad zerschlagen konnte, hatten keinen Halt vor Gewalt gemacht. Dazu gehörte die Verletzung zahlreicher Menschenrechte, Massaker an den Guerillas mit insgesamt 25 Toten und der Einsatz von Todesschwadronen (terroristische Gruppen, die im Auftrag des Staates oder mit dessen Billigung politische oder religiöse Gegner verfolgen und ermorden oder gewaltsam verschwinden lässen). Für diese Vergehen wurde Fujimori im Jahre 1992 zu einer Freiheitsstrafe von 25 Jahren verurteilt.

Im Jahr 2001 wurde eine Kommission für Wahrheit und Versöhnung (Comisión de la Verdad y de Reconciliación) von der Regierung eingesetzt, mit der Aufgabe, das Ausmaß der Zeit des Terrors ans Licht zu bringen. Zwei Jahre später legten sie ihren Abschlussbericht vor, in dem die Zahl der Opfer, die der Krieg gefordert hatte, auf 70.000 geschätzt wird. Dabei war man zuvor von der Hälfte der Opfer ausgegangen, wie Salomón Lerner, Vorsitzender der Wiedergutmachungskommission, in seiner Abschlussrede im Jahre 2003 verlauten ließ. Außerdem sei während der Jahrzehnte der Gewalt kaum etwas unternommen worden: „Keine Gerechtigkeit, keine Widergutmachung, keine Sanktionen. Schlimmer noch: es hat noch nicht einmal die Erinnerung an das Geschehene existiert. Und das bringt uns zu der Überzeugung, dass wir immer noch in einem Land leben, in dem eine so absolute Exklusion herrscht, dass es möglich ist, dass Zehntausende von Menschen verschwinden, ohne dass die integrierte Gesellschaft, die nicht ausgeschlossene Gesellschaft, davon Notiz nimmt. Tatsächlich sind wir Peruaner in unseren schlimmsten Schätzungen davon ausgegangen, dass die Gewalt 35.000 Opfer gefordert hat. Was wird nun unsere politische Gesellschaft sagen, jetzt, wo wir wissen, dass weitere 35.000 unserer Brüder fehlten, ohne dass dies zur Kenntnis genommen wurde?“

Des Weiteren kam die Kommission zu dem Ergebnis, dass Sendero Luminoso sowohl die Hauptschuld für den Ausbruch des Konflikts wie auch für alle begangenen Menschenrechtsverletzungen zukommt; sie warf jedoch auch den Regierungen Garcías und Fujimoris systematische Menschenrechtsverletzungen vor. 

Abimael Guzmán, der Leiter des Sendero Luminoso, wurde am 13. Oktober 2006 zu einer lebenslangen Haftstrafe und zu einer Entschädigung von 3,7 Millionen Soles verurteilt.

 

Aufarbeitung - Ort der Erinnerung

Am 17. Dezember 2015 wurde das LUM - Lugar de la memoria, la tolerancia y de la inclusión social, Ort des Gedächtnisses, der Toleranz und der sozialen Eingliederung, in Lima eröffnet. Zu den Hauptbestandteilen des LUM gehört die Dauerausstellung, in der die Gewaltakte aus den Jahren 1980 - 2000 in Peru thematisiert werden.  

Das LUM setzt sich aus fünf Säulen zusammen:

1. Geschichte und Erinnerungen an die Zeit der Gewalt 1980 - 2000: Förderung der Reflexion und des Verständnisses der Zeit der Gewalt und ihrer Folgen in der Gesellschaft

2. Lernen und Nachdenken über Geschichte und Erinnerungen: Entwicklung einer Strategie zum Lernen, Nachdenken und Dialog, die Werte und Fähigkeiten fördert, um eine Kultur des Friedens zu stärken

3. Aufbau von Erinnerungen und Wissen: Förderung der Erzeugung von Informationen und Wissen zu Fragen im Zusammenhang mit dem Zeitraum 1980 - 2000 und deren Folgen in der Gegenwart

4. Erinnerungen für das Leben und die Würde: Erkennen Sie die Auswirkungen von Gewalt und koordinieren Sie die Aktivitäten der Opfer, die ihre Würde, ihre Bürgerschaft und ihre Rechte bekräftigen

5. Verflechtete Erinnerungen: Förderung des Dialogs und der Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Erinnerungsinitiativen

 

Situation heute

Noch heute existieren die Splittergruppen des Sendero Luminoso. Es gibt sogar Gebiete, die bekannter Weise von diesen Guerillagruppen beherrscht werden. So kommt es immer wieder zu Attentaten in kleinerem Ausmaß, sowie zu Befreiungsaktionen von Seiten der Regierung, um diese Gebiete nach und nach zu neutralisieren. Das Lager der Guerillas liegt in der Region Valle de los ríos Apurímac, Ene y Mantaro – kurz VRAEM. Sie ist eine der bedeutendsten geopolitischen Regionen und zählt zusätzlich zu den wichtigsten Koka-Anbau Gebieten Perus.

Im Jahr 2015 befreiten Regierungstruppen 33 Kinder, sowie 21 Frauen und Männer aus einem „Produktionslager“, in dem sie Feldarbeit verrichten und Vieh züchten mussten – viele waren Angehörige der Asháninka. Noch in den letzten zwei Jahren gab es in dieser Region Hinterhalte der Guerillas mit Verwundeten und Toten.

 

Zusammenfassung und Folgen

In der Zeit des Leuchtenden Pfades ist Peru eine terroristische Gesellschaft geworden, in der jeder Bürger gelernt hat, selbst für seine Sicherheit zu kämpfen. Wer den Führerschein machte, wusste, dass er nichts wert ist ohne Waffenschein. Es war ein erbarmungsloser Krieg, der vor der Studentin nicht halt machte, die im Museum der Nation von vier Ordnungshütern vergewaltigt wurde; nicht vor der Marktfrau, die von zwei streitenden Polizisten nebenbei durch einen Kopfschuß getötet wurde; nicht vor den Toten und Verletzten eines Busunglückes, die von den Fahrgästen des folgenden Busses ausgeraubt wurden.

Die Zeit des Sendero Luminoso prägte Peru nachhaltig. Noch heute machen sich die langfristigen Auswirkungen deutlich bemerkbar - in Gesellschaft, Politik und Kultur.

Politisch: Die Zeit des Terrors hat das demokratische System nachhaltig geschwächt. Die Korruption die damals gang und gäbe war, existiert noch heute in der Politik, sowie im Kleinen im Volk. Die Amtszeit Fujimoris hinterlässt heute noch Spuren. Korruptionsfälle in Politik bis hin zur Justiz gehören noch immer zum Lauf der Dinge.

Auch die Bürokratisierung und Ausweitung des Drogenhandels durch den Sendero Luminoso sorgen dafür, dass Peru noch heute der zweitstärkste Coca-Exporteur weltweit ist. Folgen des illegalen Drogenhandels sind Schutzgelderpressung, Verteibung, Menschenhandel und Prostituation. Zwar sind Drogenbesitz und Drogenhandel in Peru streng verboten und werden hart bestraft, dennoch hat die Regierung keinen Erfolg beim Kampf gegen Drogen. Wenn die Behörden ein Cocafeld zerstören, dann wird woanders ein neues Feld angepflanzt.

Gesellschaftlich: Die indigene Bevölkerung leidet am meisten unter den gesellschaftlichen Folgen dieser Zeit. Da das Aktionsgebiet des Sendero Luminoso vor allem in den Andenregionen war, wo die Indigenen, quechuasprachigen Menschen leben, traf es sie am Härtesten. Obwohl der Krieg keine ethnische Auseinandersetzung war, waren 75 % der Opfer quechuasprachig. Der Großteil der Senderistas waren indigene Bauern, die zwangsrekrutiert wurden und die somit kollektiv als Terroristen auf der Liste des Militärs standen. So war es vor allem die indigene Bevölkerung, der Verfolgung entweder von Seiten der Senderisten oder von Seiten des Militärs, drohte. Dies hatte eine Fluchtbewegung zur Folge - weg aus dem Andenland, migrierten sie in die Großstadt nach Lima, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Daraus resultierte ein rapider Wechsel von der Quechuasprache ins Spanische als Alltagssprache - auch in Ayacucha, im Andenhochland. Die Folge des Krieges ist die Exklusion der indigenen Bevölkerung, sowie ein verstärkter Rassismus innerhalb Perus, der bis heute anhält.

Durch die wirtschaftliche Schwächung des Landes verfielen außerdem Tausende von Menschen in Armut, Arbeitslosigkeit und landeten auf der Straße. Zu Beginn des Jahres 1990 betrug die Inflationsrate 7000% und auch die harte Sparpolitik Fujimoris, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, förderte die Verarmung der Gesellschaft.

Die Menschen waren die Opfer dieses erbarmungslosen Krieges, sie waren die Opfer der Terroristen und gleichermaßen Opfer des Militärs und der Regierung. Bis heute gab es nie einen echten Bruch mit der Vergangenheit. Wenigen Schuldigen wurde der Prozess gemacht und Entschädigung fand kaum und wenn ja, dann in einem unwürdigen Ausmaß statt. Die Armut, die Ausgrenzung, die Ignoranz des Staates gegenüber der Menschen prägt die Gesellschaft und deren Mentalität noch bis heute. 

Kulturell: Gerade der beschleunigte Rückgang des Gebrauchs der indigenen Sprache und die Exklusion der indigenen Gesellschaft führte zu großen Verlusten und zur Diskriminierung der indigenen Kultur. Guzmán machte damals seine Drohungen wahr, dass nach der Revolution nur noch eine Sprache gesprochen würde. Noch heute finden indigene Literatur und Filme kaum Platz im kulturellen Leben in Lima. Doch indigene Kulturschaffende kämpfen dafür, dass ihre Kultur wieder verbreitet und aufgewertet wird und so tauchen die Spuren der vergangenen Gewalt vermehrt in Kunst, Literatur, Film und Uni auf. Dennoch ist es ein träger Prozess der Aufarbeitung, der noch viel Zeit und mehr Engagement der Politik und der Bürger selber in Anspruch nehmen wird.

 

Ein kleiner Kommentar

Das Thema Sendero Luminoso ist ein schwieriges Thema, über das die Menschen hier nur ungerne reden. So wurden wir immer wieder gefragt, warum wir genau dieses Thema für unsere Sendung gewählt haben. Damit würden wir doch nur einen Finger in die Wunde legen. Und genau das zeigt, dass die Zeit des Sendero Luminoso noch heute sehr präsent in den Köpfen der Menschen hier in Peru ist und dass die Wunden von damals noch längst nicht verheilt sind. 

Es gibt zwei Gründe, warum wir gerade dieses Thema für unsere zweite Ausgabe von TuVilla gewählt haben. Zum einen, weil TuVilla ein interkulturelles Programm ist, das den Austausch wichtiger Themen zwischen Tübingen und Villa El Salvador fördern soll. Und Sendero Luminoso ist definitiv ein Meilenstein in der Geschichte der Tübinger Partnerstadt und vor allem ein Thema, ohne das man die Kultur, die Mentalität und die Menschen in Peru nicht verstehen kann - denn es hat die Gesellschaft nachhaltig geprägt. Zum anderen denken wir, dass diese Zeit nicht in Vergessenheit geraten darf und darum in Bildung, Kultur, Literatur und Kunst aufgearbeitet und verarbeitet werden sollte. Bis es einen Bruch mit der Vergangenheit geben kann, braucht es wahrscheinlich einen Generationenwechsel und vor allem Zeit. 


Audio

El tiempo de Sendero Luminoso

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