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Mai 2019 November 2022


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Auf Ge-Denk-Spuren – Stadtführung zu Kiomars Javadi

Im Rahmen der internationalen Wochen gegen Rassismus fand am Samstag eine Stadtführung zu Gedenken an Kiomars Javadi statt. Der junge Iraner ist aus seiner Heimat geflohen und fand in Tübingen vorzeitig den Tod. Beginnend am Holzmarkt, übergehend zum Amtsgericht, wo das Urteil gegen seine Mörder verhängt wurde bis zu den Stellen, wo er gestorben ist und gelebt hat, ging es an die Orte, die seine Geschichte näher bringen. Veranstaltet wurde die Führung von Krishna-Sara Helmle in Zusammenarbeit mit der Universitätsstadt Tübingen, Stabsstelle Gleichstellung und Integration.

Krishna-Sarah Helme übernahm an diesem Tag die Stadtführung. Sie ist Stadträtin in Tübingen, Trainerin für diskriminierungsensible Schulungen, sowie Inhaberin von Textöffner Büro für leichte Sprache. Vor zwei Jahren ist sie auf Javadi aufmerksam geworden und fand es wichtig an Javadi zu erinnern.

Die Stabstelle Gleichstellung und Integration der Stadt Tübingen koordiniert mit dem Fachbereich Kust und Kultur zusammen den Beteiligungsprozess.

„Und ich hab dann beschlossen, da muss was passieren dass wir uns mit Javadi als Beispiel für rassistisch motivierte Todesfälle beschäftigen und hab dann als Stadträtin einen Antrag gestellt, dass ein Gedenkschild aufgestellt wird, wollte aber nicht einfach nur einen Text aufstellen, ich wollte einen Beteiligungsprozess haben und die Stadtführung ist ein Teil dieses Beteiligungsprozesses, da allein ein Schild nicht zu einem lebendigen Gedenken beiträgt.“

Auf dem Holzmarkt hat die Führung angefangen, auf dessen Stufen Javadi selbst oft gesessen hat.

Von 1980 bis 1988 fand zwischen Iran und Irak der Golfkrieg statt, ein Krieg um Öl und die Vormachtsstellung in der Region. Wer als junger Mann Kriegsdienstverweigerer war, wurde politisch verfolgt. Kiomars Javardi, der 1967 in Teheran geboren worden ist kam als politischer Flüchtling nach Tübingen und hatte hier einen Antrag auf Asyl gestellt.

Am 19. August 1987 besuchte Kiomars Javadi den heute nicht mehr existierenden Supermarkt der Pfannkuch-Kette in der Tübinger Karlstraße. Die Berichte, was genau sich in dem Supermarkt ereignete, gingen auseinander. Manche behaupten, Javadi hätte versucht Ware zu stehlen. Andere meinen, dass Javadi an der Kasse von einem Angestellten angesprochen wurde, dass er einen Einkaufswagen, den er im Laden abgestellt habe, wieder mit nach draußen nehmen solle.

Kiomars versuchte zu erklären, dass er nichts mit dem Wagen zu tun habe. Ein Streitgespräch entspann sich. Daraufhin wurde Kiomars nach Augenzeugenberichten von einem Angestellten von hinten gepackt und gegen seinen Willen in einen Kellerraum verschleppt.

Der zweite Ort der Führung war das Tübinger Amtsgericht. Am 30. Juni 1988 wurde nach einem kurzen Prozess, bei dem Javadis Ehefrau Marjan als Nebenkläerin auftrat, das Urteil gegen die beiden Pfannkuch-Mitarbeiter verkündet. Die beiden Täter bekamen eine Freiheitsstrafe von 18 Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. In seinem Urteil berief sich der Richter auf einen Präzedenzfall, in dem ein Polizist einen Jugendlichen im Würgegriff tötete und ebenfalls fast straffrei davonkam.

Hinter dem d.a.i , wo einst der Supermarkt „Pfannkuch“ war, trug sich 1987 das Tatgeschehen zu. Nachdem Javadi von den Angestellten des „Pfannkuch“ in einen Kellerraum geschleppt wurde, konnte er sich befreien und ist nach draußen gerannt. Hier wurde er vom Filialleiter und von einem Lehrling festgehalten, der ihn für 18 Minuten gewürgt hat. Um ihn herum standen etwa 15 Menschen, die jedoch nicht eingegriffen haben. Nach 18 Minuten kam die Polizei und legte ihm Handschellen an, nachher im Obdktionsberichts stand jedoch drinnen, dass er nach 3-4 Minuten bereits tot war. „Es erinnert auch gleichzeitig an gegenwärtige Ereignisse wie George Floyd, das Thema ist nach wie vor präsent.“

Die letzte Station auf der Führung war die Thiepval-Kaserne, wo Javadi damals mit seiner Frau gelebt hatte. Die Thiepval-Kaserne ist ein Gebäudekomplex in der Tübinger Südstadt, der zwischen der Hegelstraße und der Schellingstraße im Süden liegt. Die Kaserne wurde zwischen 1873-75 für die Württembergische Armee erbaut, ab 1981 diente sie für Asylsuchende Menschen.

Die Lebensverhältnisse werden als schlecht beschrieben, Javadi hatte kaum Privatsphäre, so musste er mit seiner Frau und zwei weiteren Ehepaaren ein Zimmer teilen.

Zum Schluss wird das Augenmerk auf den Gedenkprozess gelenkt , an dem sich unter anderem Krishna Sara Helmle, die Stabstelle Gleichstellung und Integration, Leute aus der Wissenschaft und dem Asylzentrum sowie dem Stadtarchiv beteiligen. Dabei war auch Rahim Shrimad, der als Zeitzeuge, damaliger Freund von Javadi und Filmemacher da war. Er produzierte 1991  den 20-minütigen Schwarzweiß-Film „18 Minuten Zivilcourage“ „Es gab verschiedene Ideen, es gab die Idee die Fahrradbrücke nach ihm zu benennen, es gibt von anderen Gruppen die Forderung den Platz hinter dem d.a.i nach ihm zu benennen, aber dann haben wir uns entschieden, den Platz vor der Thiepval Kaserne bennennen zu wollen und ich denke da geht unser Prozess jetzt weiter und momentan sind wir im Prozess zu prüfen, inwiefern das rechtlich geht.“ meint Krishna-Sara Helmle zum Schluss.


Audio

Download (19,88 MB)
Stadtfuehrung_Kiomars_Javadi.mp3





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