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Mai 2019 November 2021


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Sprache und Rassismus :: Lesung mit Kübra Gümüsay

In welchem Kontext stehen Sprache und Rassismus? Wie kann in einer Gesellschaft eine Sprache entstehen, in der Menschen nicht aufgrund von zugeschriebenen Zugehörigkeiten in Kategorien gesteckt werden? Die Autorin und studierte Politikwissenschaftlerin Kübra Gümüsay widmet sich in ihrem Buch „Sprache und Sein“ eben diesen Fragen. In der von TAKT organisierten Veranstaltung, gab sie einen kleinen Einblick in ihr Buch und das unglaublich große, vielfältige und facettenreiche Themenfeld der Sprache.

Sprache verändere unsere Wahrnehmung. Sie öffne einem die Welt und grenze sie im selben Moment ein. Besonders wer mehrere Sprachen spreche, stoße auf unübersetzbare Worte. So findet Kübra beispielsweise für den deutschen Begriff der Schadenfreude oder des Fernwehs, kein Pendant in der türkischen Sprache. Umgekehrt beschreibe das türkische Wort "yakamoz" die Reflexion des Mondes auf der Wasseroberfläche und das japanische Wort "komorebi" das Sonnenlicht, das durch die Blätter von Bäumen schimmere. Beschäftige man sich mit anderen Sprachen, könne es dabei helfen die Grenzen der eigenen Sprache zu erkennen und zu öffnen, erklärte sie.

Im Kontext von Sprache und Rassismus, bezog sich Gümüsay in einem Gedankenspiel auf Worte, die eine gewaltvolle Perspektive einnehmen, gewaltvolle Erfahrungen transportieren und eine diskriminierende, rassistische Grundstruktur aufweisen. Man solle sich vorstellen, dass ein Seefahrer auf seinem Weg zur Entdeckung Mexicos vom Kurs abgekommen sei und stattdessen Hamburg entdeckt habe. Fortan hätten die Hamburger "Mexikaner" geheißen, ebenso wie die amerikanischen Ureinwohner die europäische Benennung „Indianer“ nicht mehr los wurden, obwohl sie vielfältige eigene Kulturen hatten und mit Indien überhaupt nichts zu tun hatten.

Es habe nichts mit Höflichkeit, politischer Korrektheit oder einer progressiven Haltung zu tun, wenn man Menschen so bezeichnet, wie sie bezeichnet werden wollen. Es sei einfach eine Frage des menschlichen Anstands, ihrer Perspektive Raum zu geben, anstatt diese zu unterdrücken, erklärte Gümüsay. Es gebe so viele Perspektiven auf der Welt, wie es Menschen gebe. Werden jedoch eingeschränkte Perspektiven, wie die der weißen Europäer*innen oder Nordamerikaner*innen über die anderer gestellt, erhalten diese privilegierten Sichtweisen hegemonialen Anspruch, während andere ihren Geltungsanspruch verlieren und ihnen die Existenz abgesprochen wird.

Ein konstruktiver Diskurs sei nur möglich, wenn sich die Einzelnen ihrer eigenen Begrenztheit bewusst seien. Die Herausforderung sei es nun ein Perspektivbewusstsein und eine Perspektivvielfalt zu entwickeln. Häufig implizieren verschiedene Perspektiven kleine Teilwahrheiten, die aber nur in ihrer Begrenztheit richtig seien. Ziel sei es, diese Perspektive zu kontextualisieren und Teilwahrheiten als solche zu erkennen. Man müsse begreifen, dass diese niemals die ganze Wahrheit darstellen. Denn die Welt ist komplexer als, es die verschiedenen Perspektiven zulassen.

Das Buch „Sprache und sein“ gibt viele Denkanstöße und ruft dazu auf, die eigene Position ständig kritisch zu hinterfragen, zu reflektieren und auf den Absolutheitsanspruch zu verzichten, um eine Gesellschaft zu schaffen, „in der alle gleichberechtigt sprechen und sein können".


Audio

Lesung Sprache und Sein

Download (67,09 MB)
Lesung_Sprache_und_Sein.mp3


Radiobeitrag zum Nachhören

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Sprache_und_Rassismus_final.mp3





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