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Der kleinen Leute Lied: Der Liedermacher Hisztory

Seine Lieder heißen "Der kleinen Leute Lied", "Proletarierfrühstück" und "Trinkkumpane": Der Leipziger Liedermacher schreibt über und für all die, die von der Gesellschaft oft nicht gesehen werden. Im Interview mit Gabriele Busse spricht er über seine Musik und seine Träume. Am kommenden Freitag spielt der preisgekrönte Musiker im Club Voltaire in Tübingen.

 Er bezeichnet seine Kunst als Vagabond Country Folk, irgendwo zwischen Wader, Waits, Cash und Gundermann. Er hat schon tausende Konzerte gespielt und sieht sich dennoch nicht nur als Musiker, denn das, so Hisztory, wäre ihm „zuviel Kunst". Hisztory alias David Meißner aus Leipzig ist außerdem Koch, Weihnachtsbaumverkäufer und Familienvater. Und er hat ein eigenes Label gegründet, „Tapfer bleiben“, für sich und seine Freunde.

 In seiner Kunst will er nichts erzwingen: „Ich finde es besser, wenn man es nicht sucht, sondern wenn es einen findet und abwechslungsreich ist“, sagt er. Und er findet viel und hebt es in seinen Liedern auf: Erinnerungen aus einer harten Zeit, das Herumziehen mit seinen Kumpels, die Geschichten derer, die es nie leicht hatten. Er wird gern als der Punk unter den Liedermachern bezeichnet, und er findet, das trifft es schon ganz gut.

 Wenn man ihn fragt, wie er all seine Berufe und Berufungen gleichzeitig schafft, sagt er, er sei eben ein Unruhegeist. Seine Lieder schreibt er teils im Gehen, immer unter Strom. Und seine Musik rettet nicht nur die Geschichten der anderen, sondern auch, wie er sagt, ihn selbst. „Die Leute, die echt was zu schleppen haben, sind die, die mich faszinieren, weil ich selber auch ´nen ganzen Rucksack auf dem Rücken hab.“

Seine Lieder sind ihm Ventil für Gefühle wie Wut, Verzweiflung, Enttäuschung. Ohne seine Musik, so sagt er, wäre ihm vielleicht sonst nur die Gewalt geblieben. Und diese existenzielle Dringlichkeit und zugleich die Sehnsucht nach einer besseren Gesellschaft spürt man in jedem seiner Lieder. Vor allem aber spürt man in ihnen eine tiefe Liebe und Freundschaft zu all den Weggefährten, über die er singt. "Dass ich anderen eine Stimme geben konnte", sagt er, "das macht mich glücklich.“

Auch als Koch geht es ihm vor allem um Zusammenhalt. Er verkaufe auch im Grunde kein Essen, sondern Erinnerungen. Damit auch vegane Leute an Weihnachten beispielsweise eine Roulade essen können und nicht ausgeschlossen werden vom Tisch, macht er Fleisch aus Pflanzen. So können alle zusammen feiern.

Und im Sinn von Zusammenhalt sieht er auch seine Konzerte: Da er nicht nur für sich spiele, sondern vor allem für die anderen Menschen, legt er vorher nichts fest. Er reist mit einem Koffer mit fünfzig, sechzig Songs, aus denen er dann je nach Publikum und Stimmung an dem Abend seine Lieder auswählt. Wenn man ihn fragt, was denn sein schönstes Konzerterlebnis war, sagt er nur: „Ach, schön ist einfach immer, wenn die Leute berührt sind“.

Er spielt auch überall da, wo ein paar Leute zuhören und berührbar sind. „Ich spiele einmal die Woche auf der Straße, und das macht einen auch zu dem, was man ist. Die Straße ist die härteste Bühne der Welt.“ Das hat ihn für andere schwierige Bühnenbedingungen abgehärtet, beispielsweise, wenn mal wenig Publikum kommt: „Wenn keena da is, is ooch okay“. Und wenn die Leute währenddessen reden, sagt er, sei das auch völlig in Ordnung. „Vielleicht haben die sich ja auch schon zwei Wochen nicht mehr gesehen“. Hisztory ist ein Bescheidener, der nicht viel erwartet - außer nah dran sein am Leben.

 Das fasziniert ihn auch an einem seiner großen Vorbilder, Gerhard Gundermann: „Bei ihm ist alles nah dran an den Leuten, da musst du nicht erst ewig nach der Botschaft suchen.“

Auf den Gedanken, selber Musik machen zu wollen, kam er nach dem Lied „Charlie“ von Hans Söllner. Danach hat alles so gekribbelt, sagt er, und nichts konnte ihn mehr zurückhalten. Mit Hingabe warf er sich in die Musik, und das hört man auch noch nach Hunderten von Songs, die er mittlerweile geschrieben hat. Inzwischen hat er auch einige wichtige Liedermacherpreise bekommen. Trotzdem ist er auf dem Boden geblieben. Über sein Publikum sagt er: „Es gibt immer ein paar, die hängen dir an den Lippen und es gibt ein paar, die machen ihren eigenen Stiefel und nehmen nur ein paar Brocken auf - und das genügt mir.“

Nun kommt Hisztory auch nach Tübingen. An diesem Freitag, dem 26. Oktober, ist er ab 20.00 live im Club Voltaire zu erleben.

 


Audio

Kurzversion des Interviews:

Download (25,47 MB)
Hisztory-im-Lokalmagazin.mp3


das ganze Interview:

Download (54,23 MB)
Hisztory-ganze-Sendung.mp3




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