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Januar 2021 offen


Beiträge & Artikel

Dekolonialität in Wissenschaft und Bildung

In der Sendung geht es um Dekolonialität in Wissenschaft und Bildung und es kommen vier Akademikerinnen zu Wort: die deutsche Literaturwissenschaftlerin Sabine Broeck, emeritierte Professorin für Amerikastudien an der Universität Bremen, die Kanadierin Kat Sark, Professorin für Fashion Studies an der University of Southern Denmark (SDU), die deutsche Geografin Birgit Hoinle, Postdoktorandin an der Universität Hohenheim und die kolumbianische Kommunikationswissenschaftlerin Aura Isabel Mora, Dozentin an der Universität Minuto de Dios und Koordinatorin der Universidad de la Tierra y la Memoria Orlando Fals Borda.

Die Dekolonialität ist in den letzten Jahren in der breiten Öffentlichkeit und auch in der deutschen Politik angekommen. Überall finden Aktionen und Kongresse statt, das deutsche Außenministerium tritt dabei genauso als Veranstalter auf wie Städte und Gemeinden und zivilgesellschaftliche Organisationen. Wissenschaftler und Künstler melden sich zu Wort und die Presse veröffentlicht regelmäßig Artikel und Sonderhefte zur deutschen Kolonialgeschichte u.a. der Spiegel und die Zeit.

Deshalb wollen auch wir das Thema noch einmal aufgreifen und damit an die Diskussion der letzten Sendung vom Mai 2021 anknüpfen. Unser Gast Paulino Miguel hatte damals gesagt, das Problem seien nicht die Menschen, sondern die Strukturen. Deshalb beschäftigen wir uns noch einmal eingehender mit den Strukturen in der Wissenschaft und Bildung und mit Menschen, die versuchen, diese Strukturen zu verändern. Obwohl das Thema allgegenwärtig zu sein scheint, ist es noch stark an das Engagement einzelner Personen gebunden. In der Sendung stellen wir die Stimmen von vier Akademikerinnen zur Diskussion — ganz im Sinne Walter Mignolos. Der argentinische Anthropologe gilt heute als eine der wichtigsten Stimmen des dekolonialen Diskurses. In der Sendung 2021 haben wir ihn gehört mit dem Satz, Bildung sei keine Institution, sondern Konversation und auch diese Sendung ist ein solches Gespräch.

Am Anfang steht die Infragestellung der Universität als Wissensinstitution und ihrer Umwandlung in ein "Unternehmen" oder eine "Corporate University“, wo Themen wie die Dekolonialität noch immer wenig Beachtung und Finanzierung finden. Es geht um ein strukturelles Problem, nämlich um die Organisation eines Wissenschaftssystems, das als Machtinstrument wahrgenommen wird — im doppelten Sinne des Wortes. Ein zentraler Punkt ist, dass dieses Wissenschaftssystem häufig als universal — und damit wertneutral — propagiert wurde und wird. Immer wieder gilt es, die Bewertung, die durch Hierarchien abgebildet wird und die epistemische Aneignung marginalisierten Wissens zu vermeiden.

Das wirft die Frage auf, wie sich Wissenschaftler:innen im Verhältnis zur Dekolonialisierung positionieren können: Wie kann ein tatsächlich universales Wissenschafts- und Bildungssystem aussehen? Welche Form kann dieses „Gespräch“ wie Walter Mignolo es nennt, annehmen? Es gibt eine Reihe von Projekten und laufenden Experimenten, die versuchen, das epistemologische „Schweigen“ der Universität zu durchbrechen, und zwar aus verschiedenen Perspektiven wie Intersektionalität, Transdisziplinarität, Feminismus, Buenos Vivires. Dafür haben unsere Gäste nicht nur eine kritische akademische Perspektive, sondern auch ein sehr persönliches, erlebtes und politisches Engagement. Aura Isabel Mora zitiert  am Ende der Sendung Paulo Freire mit den Worten: Eine Praxis ohne Theorie ist bloßer Aktivismus, aber eine Theorie ohne Praxis ist ein leerer Diskurs.

Viele Fragen sind auch am Ende der Sendung nach wie vor offen, z.B. wie ein epistemologischer und ontologischer Wandel, wie er aus der dekolonialen Perspektive vorgeschlagen wird, mit dem politischem Wandel in einen Dialog gebracht werden kann. Sind die kritischen Emanzipationskämpfe der Moderne noch gültig, die die ungleichen Rahmenbedingungen, nach denen unsere Gesellschaften organisiert sind, überhaupt erst geschaffen haben? Ist ein Dialog zwischen dekolonialen und emanzipatorischen Perspektiven der Moderne heute noch möglich und notwendig? Manche sagen, das sei nicht möglich.

Es gibt weitere Spannungen zwischen bestimmten universalistischen und anderen eher lokal geprägten Grundsätzen, zwischen der Frage der Demokratisierung des Wissens für die Menschheit und der Bewahrung des lokalen, indigenen Wissens. Zwischen der Exotisierung und Romantisierung der indigenen Völker und der Provinzialisierung Europas. Haben z.B. weiße Europäer das Recht, über afrikanische oder lateinamerikanische Kulturen zu forschen? Oder ist das eine Aneignung schwarzen und indigenen Wissens? Wie kann man einen Dialog auf Augenhöhe erreichen, wie Achille Mbembé sagt? Eine Antwort auf diese Fragen werden wir nur gemeinsam finden können. Das „Gespräch“ muss also weiter gehen, in der Gesellschaft, an den Universitäten und auch in unserer Redaktion und hier im Radio.


Audio

Dekolonialität komplett

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Dekolonialitaet_komplett.mp3


Dekolonialität Sabine Broeck

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Dekolonialitaet_Sabine_Broeck.mp3


Dekolonialität Kat Sark

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Dekolonialitaet_Kat_Sark.mp3


Dekolonialität Birgit Hoinle

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Dekolonialitaet_Birgit_Hoinle.mp3


Dekolonialität Aura Isabel Mora

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Dekolonialitaet_Aura_Isabel_Mora.mp3



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