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Januar 2021 offen


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Prof. Dr. Kira Funke zu Paulo Freire

Aly Palm sprach mit Frau Prof. Dr. Kira Funke von der UI Internationalen Hochschule in Köln über den Befreiungspädagogen Paulo Freire. Die Professorin für Soziale Arbeit und Pädagogik der Kindheit hat ein Buch über ihn geschrieben: "Paulo Freire - Werk, Wirkung und Aktualität"

Als Studentin hatte Frau Funke Paulo Freire bei einem Seminar über reformpädagogische Ansätze entdeckt. Sein Buch “Die Pädagogik der Unterdrückten“ hatte sie gelesen und war fasziniert von seiner pädagogisch-revolutionären Stimme. Wenige seiner Werke wurden aber in Deutsch übersetzt, obwohl er in der ganzen Welt bekannt und sehr aktiv war.

Kira Funke stellte Überlegungen an, wie seine Ideen trotzdem für Aktivisten in Deutschland zugänglich gemacht werden könne. So hatte sie sich zuerst innerlich auf die Reise gemacht, Portugiesisch gelernt und Freundschaften geknüpft. Und das Projekt, sagte sie, wurde mit der Zeit zu einem Selbstläufer und ihrer Herzangelegenheit.

Später reiste sie tatsächlich nach Brasilien, zuerst als Praktikantin. Dort konnte sie auf der Straße miterleben, wie die Ideen „der Pädagogik der Befreiung“ umgesetzt wurden. Und es folgt eine lange Periode in Brasilien mit Recherchen für ihre Doktorarbeit über Paulo Freire.

Trotz ihrer Faszination für Brasilien, seine Sprache und Kultur und für Paulo Freire, stand sie seinen Werken kritisch gegenüber. Wie Paulo Freire es auszudrücken vermochte: „Freude ist nicht das Gegenteil von Genauigkeit“. Die Motivation für die Arbeit war es auch, den verklärten Blick auf Freire als Mythos und Kulturfigur auf eine wissenschaftliche Ebene zu heben. Denn als Klassiker der Pädagogen war Freire ein Praktiker und Denker.

Die Gefahr besteht darin, dass Freire in Deutschland nicht ernst genommen wird. Bruchstellen, offene und schwächere Stellen sollen deshalb benannt werden um Anwendungen für die Arbeit in Deutschland zu finden, so Kira Funke.

Für Paulo Freire ist das Primat der Praxis von großer Bedeutung. Seine Überlegungen sind zwar theoretisch untermauert und begründet aber die Praxis ist für ihn wichtiger. Für ihn ist jede Wissenschaft im Prinzip wertlos, wenn sie nicht eine benennbare praktische Folge für das gute Leben Wertvolles nach sich zieht. In diesem Sinne entwickelte er weiter seine Ideen.

Sein Vorhaben entspricht eigentlich den Merkmalen der Wissenschaft, in dem er die Wirklichkeit zu erkunden sucht, um eine andere Perspektive hervorzubringen. Bei diesem Prozess ist es gefragt, die Kontrolle abzugeben um sich auf Dialog und Kommunikation einzulassen und zu schauen, was dabei herauskommen kann.

Freire ist Motivator und Inspirator für viele gesellschaftliche Gruppen in verschiedenen Kontexten, von landlosen Menschen bis zu sozialen Bewegungen.

Seine Idee ist da zu nutzen, wo sie gebraucht wird. Kira Funke war selbst Zeuge der Kreativität, mit der mit seinen Ideen umgegangen wird. Die Meinungen der Landlosen in Brasilien waren bei öffentlichen und politischen Kundgebungen für politische Entscheidungen gefragt. Biographische Bezüge sind hierfür sehr hilfreich für die Anwendung bei diesen Projekten in Brasilien.

Was Deutschland betrifft, im Bereich der formalen Bildung stellte Kira Funke bei der Didaktik fest, dass das Konzept „Dialog auf Augenhöhe“ zwar in der gesetzlichen Grundlage integriert und verankert ist, aber es in der Praxis noch viel Luft nach oben gibt bei der Umsetzung. Was Kreativität in der Bildung anbelangt hatte sich Deutschland auf den Weg gemacht, Lernen zu konstruieren und anzuwenden, wie kann ich mit anderen zusammen Lösungen für Konflikte zu finden. Fortschritte wurden gemacht, weg von der Tradition der Bildung als Funktionserfüllung und Wissensanhäufung zu mehr Mut, neue Wege zu gehen, für Kreativität, Demokratie und Solidarität.

Freire sagte, wenn auch die Erziehung alleine die Gesellschaft nicht verändern kann, so kann aber ohne Erziehung die Gesellschaft erst recht nicht verändert werden. Nichts tun ist die schlechteste denkbare Lösung überhaupt bei dem, was wir tun können.  Aber was können wir tun? Wo sollen wir anfangen mit der Erziehung?

Wir können nicht alle Probleme der Gesellschaft lösen, aber wir können dort anfangen wo wir stehen. Freire spricht von Grenzsituationen. Von Situationen, bei denen man an Grenzen kommt. Wo wir uns fragen, was können wir tun, und wie können wir dann mit anderen gemeinsam Lösungen finden? 

Kira Funke kann aus Erfahrungen erzählen dass die Praxis solcher Pädagogik Früchte bringt. Sie versuchte, in allen Kontexten Zielgruppen anzusprechen und sie miteinzubeziehen,  wie bei dem Dialog zwischen Kindern und politischen Entscheidungsträgern mit konstruktiven Dialogen. Bei dieser Stimmung kann Offenheit kommen, wo sie nicht vermutet wurde.  

Kira Funke denkt, dass die Rezeption von Freire in Europa viel größer ist als man denkt. Das Echo auf der internationalen Ebene bei Freires 100. Geburtstagsjubiläum ist groß, auch trotz vieler Kritiken und zeigt, dass die Idee von Freire ernst genommen wird. Für weiter Interessierte hält Prof. Dr. Kira Funke am 18.11.2021 um 18.00 Uhr eine Online-Buchvorstellung mit einer Lesung aus ihrem Buch: „Paulo Freire: Werk, Wirkung und Aktualität“  im Welthaus Stuttgart. Für den Erhalt des Zugangslink wird um Anmeldung gebeten an: koordination@welthaus-stuttgart.de

Text: Aly Palm


Audio

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Kira_Funke_zu_Freire.mp3



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