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Januar 2020 Dezember 2020


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BePart:: Portrait von Nadira Kalikova

Oh ja, Nadira hat chronisches Heimweh. Aber zurück kehren in die schönste Stadt? Nein! Sie hat in Deutschland so viel gelernt und vor allen: sie kann hier so viel bewegen.

„Viel Sonne, leckeres Obst und Gemüse und ganz viel Lachen, weil die Menschen sehr herzlich sind“, das sind die wichtigsten Erinnerungen, die Nadira mit der Stadt verbindet, in der sie geboren wurde und in der sie 19 Jahre gelebt hat. Nadiras schönste Stadt heißt Buchara und sie liegt in Usbekistan in Zentralasien.

Tatsächlich gehört Buchara seid 1993 zum Weltkulturerbe. Buchara verfügt über eine jahrtausendealte Kultur, über berühmte Bauwerke und eine bedeutende Islam-Schule. Der Islam in Usbekistan ist weltoffen, beispielsweise tragen usbekische Musliminnen kein Kopftuch, erklärt Nadira.

 

Trotzdem ist Nadira eine höchst ungewöhnliche junge Frau. Sie war glücklich in Buchara, ihre Mutter war ihr großes Vorbild - und doch war sie im Herzen bereits eine Reisende. So hat sie für ihr Abitur neben Literatur und Geschichte Deutsch gewählt, weil sie etwas Ungewöhnliches machen wollte. In der Weltsprachen-Universität in Taschkent studierte sie Deutsch mit Englisch als Nebensprache sowie Literatur. Für das Goetheinstitut betreute sie ehrenamtlich Gäste aus Deutschland, Schriftsteller und Musiker, denen sie die Stadt zeigte und sie mit der usbekischen Kultur vertraut machte. Tatsächlich ist Nadira dreisprachig aufgewachsen, was eben dieser alten Kultur ihrer Heimatstadt Buchara geschuldet ist: die heutige Amtssprache ist Usbekisch, eine Sprache der türkischen Sprachfamilie, eine immer noch wichtige Verkehrssprache ist Russisch, doch wenn wir noch früher zurück gehen, dann stoßen wir auf Persisch, Dari wird noch von vielen Bewohnern Bucharas gesprochen. Nadira spricht also fünf Sprachen aus vier Sprachfamilien!

 

2015 war es dann soweit: der DAAD (der Deutsche Akademische Auslandsdienst e.V.) genehmigte ihren Antrag auf ein Masterstipendium und so tat Nadira das, was für eine junge usbekische Frau höchst ungewöhnlich ist: sie reiste mit den guten Wünschen ihrer Eltern allein in ein fremdes Land - Deutschland. Nach der Sprachschule in Berlin studierte sie in Ingolstadt Internationale Beziehungen mit Fokus auf Flüchtlingspolitik und russischer Außenpolitik. In Ingolstadt begann sie sich ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit zu betätigen. Sie bewarb sich nach ihrem Abschluss als Sozialarbeiterin und kam so nach Reutlingen. Seid Januar 2020 arbeitet sie bei der Stadt Tübingen.

Schon durch ihre Arbeit mit Flüchtlingsfrauen kam sie mit speziell weiblichen Problemen in Berührung: die Frauen vertrauten ihr viel an. Auch ihre alte Heimat Usbekistan ist noch sehr traditionell patriarchal eingestellt. Nadira stieß im Internet auf TERRE DES FEMMES und so kam sie auch zum ersten Mal zur Wüsten Welle: als eine von zwei TERRE DES FEMMES Jugendbotschafterinnen, die in Reutlingen einen Selbstverteidigungskurs für Frauen organisierten. Inzwischen ist ihr Engagement weiter gediehen: Sie engagiert sich in der Tübinger Städtegruppe als Organisatorin der FrauenFilmTage Tübingen.

 

Ihr könnr Ihr auch im Web folgen, sie hat einen Blog „My little Bukhara“. Eigentlich hat sie die Seite gestartet, um usbekische Frauen durch Kleiderverkäufe zu unterstützen. Aber das Unternehmen wurde mehr und mehr zu einer Reise durch die eigene persönliche Reifung im Spannungsfeld zwischen Feminismus und der patriarchalen Traditionen ihres Herkunftslandes.

 

Mach weiter, Nadira! Wenn diese Welt eine bessere Zeit sehen will, dann braucht sie junge Menschen wie Dich!

 


Audio

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Nadira.mp3





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