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Cyber Valley: Gefährliche Mischung über den Dächern Tübingens

Amazon baut sein viertes deutsches Research Center an der Oberen Viehweide in Tübingen. Damit beteiligt Amazon sich an einem Forschungsverbund, dessen Schwerpunkt auf der Entwicklung von Künstlichen Intelligenzen liegt. Was im Cyber Valley geforscht wird, soll bei den beteiligten Unternehmen rasch zur Anwendung kommen - schließlich zahlen die auch. Amazon hat bereits mit dem Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme eine Zusammenarbeit vereinbart, die sich auf den Bereich Maschinelles Sehen spezialisiert.

Seit Dezember 2016 wird zwischen Wanne und WHO ein neuer Forschungsverbund aufgebaut. Der Name Cyber Valley sagt schon, worum es dabei geht: um Forschung auf den Gebieten Maschinelles Lernen, Robotik und Computer. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Forschung an Künstlicher Intelligenz. Der Verbund wird vom Land Baden-Württemberg mit mehr als 50 Millionen Euro unterstützt. Ihm gehören schon BMW, Daimler, Bosch, Porsche und Facebook an, aber auch die Universitäten Tübingen und Stuttgart und die Zeppelinuniversität Friedrichshafen, und allen voran natürlich das Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme. Ganz klar geht es also um die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Das Cyber Valley beschreibt sich selbst als ein "befruchtendes Ökosystem für den Technologietransfer im Bereich der Künstlichen Intelligenz", wo der "Weg von der Grundlagenforschung bis zur Kommerzialisierung oft sehr kurz" ist. Der Grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg Winfried Kretschmann sagt darüber: "Wir wollen verhindern, dass die zweite digitale Revolution an Europa vorbeigeht", und "Unser Ziel ist, nicht nur die besten Maschinen zu bauen, sondern auch die schlausten." Der Forschungsverbund soll das Land und insbesondere die Region Stuttgart–Tübingen führend beim Thema künstliche Intelligenz machen.

 

Zu diesem sogenannten "befruchtenden Ökosystem" gehört auch ein interdisziplinäres Graduiertenprogramm der "International Max Planck Research School for Intelligent Systems", das im Herbst 2017 startet. Darin werden aktuell 31 Doktoranden eingestellt, die laut Cyber Valley ein "umfassendes Trainingsprogramm" erhalten und "unabhängige Forschung" durchführen sollen. In den nächsten sechs Jahren sind hundert Stellen für Doktoranden eingeplant. Inwiefern in einem solchen Rahmen unabhängige Forschung möglich ist, bleibt fraglich, da ein erklärtes Ziel des Verbunds ist, die Forschung zur "raschen Anwendung" kommen zu lassen. Der Widerspruch wird in der Beschreibung des Cyber Valley als solcher aber gar nicht erkannt, wenn dort gesagt wird: "Dieses Programm ist ein Schlüsselelement der Cyber Valley-Initiative Baden-Württembergs zur Beschleunigung der Grundlagenforschung und der kommerziellen Entwicklung in der künstlichen Intelligenz." Es ist also kein Wunder, daß der Name Cyber Valley auf das amerikanische Silicon Valley anspielt: Zukunftstechnologien angetrieben durch Geld: jetzt auch in Tübingen.

 

Wozu das Ganze? Die Cyber Valley-Angehörigen sind stolz auf ihre entwickelten Maschinen und Künstlichen Intelligenzen, die angeblich "zuverlässig etwa Bilder oder Sprache analysieren und aus großen Datenmengen hilfreiche Erkenntnisse für Wissenschaft und Wirtschaft gewinnen." Sie nennen dabei Anwendungsgebiete wie "autonome Fahrzeuge, Haushaltshilfe im Alltag, Rettungseinsätze, die für Menschen zu gefährlich sind, oder winzige Roboter im menschlichen Körper, die Krankheiten diagnostizieren und bekämpfen". Sie behaupten, intelligente Systeme seien in der Lage, den Kreislauf von Wahrnehmung, Verständnis, Handeln und Lernen zu vollziehen.

 

Wie gut das funktioniert, wird uns vor Augen geführt, wenn eine Künstliche Intelligenz dunkelhäutige Menschen als Gorillas identifiziert - wie bereits bei Fotoerkennungssoftwares von Google und Flickr geschehen - und im Zweifelsfall ein autonomes Auto seine Entscheidung über den "kleineren Schaden" auf dieser Grundlage fällt. Das mag gar nicht unbedingt an einer rassistischen Programmierung der Software liegen, sondern an selbstlernenden Algorithmen, die bei der Datenverarbeitung vorherige Entscheidungen oder herrschende Vorurteile reproduzieren. Ein Algorithmus ist stets nur so gut wie seine Daten. Mehrere Studien haben belegt, daß die Nachteile der Intelligenten Systeme vor allem diejenigen treffen, die sowieso schon aufgrund ihres Geschlechts, ihrer sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, oder wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit diskriminiert werden. Was durch Künstliche Intelligenzen verloren geht, ist das menschlische selbstbestimmte Leben. Wer also hat ein Interesse an solchen Algorithmen, die unser Leben bestimmen?

 

Bisher ist Bosch der größte private Geldgeber für das neue Cyber Valley rund um das MPI. In den nächsten zehn Jahren wird Bosch 5,5 Mio. Euro in den Forschungsverbund investieren. Jede der beteiligten Firmen zahlt dabei sowieso schon 1,3 Mio. Euro ein. Zusätzlich zu den bereits beschlossenen Einrichtungen kann sich das Cyber Valley und ganz Tübingen nun auf weiteren internationalen Zuwachs freuen: denn Amazon hat angekündigt, sich zu beteiligen.

 Amazon liefert hier bald dicke Geldpakete

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2017, Resonanz Con(tra)sens

 

Mit rund 1,5 Mio. Euro will Amazon ein Research Center auf der Oberen Viehweide bauen. Mit dem MPI in nächster Nähe hat Amazon eine sogenannte strategische Zusammenarbeit vereinbart - die besteht aus gemeinsamer Forschung und Geldgaben. Tübingen wird dadurch der vierte Standort eines Amazon Forschungszentrums in Deutschland. Hier soll vor allem der Bereich Maschinelles Sehen im Vordergrund stehen - also z.B. die Entwicklung von Maschinen, die einen menschlichen Körper und dessen Bewegungen erkennen, vermessen, und digital darstellen können. Amazon freut sich, "Teil einer der größten Forschungsinitiativen in Europa im Bereich der Künstlichen Intelligenz" zu werden, und auch Land und Universitäten dürften finanziell und wirtschaftlich ziemlich profitieren. Die Tübinger Bevölkerung wird jedoch nicht danach gefragt, wie sie es finden, wenn anstelle von Wohnraum ethisch fragliche Forschungszentren gebaut und kommerziell orientierte Start-up-Unternehmen gefördert werden.

 

Dabei gehen die Fragen über die Bedenklichkeit der Forschung an Intelligenten Systemen noch viel weiter: es ist nicht nur kritisch zu bedenken, wie die Übernahme von Aufgaben durch Künstliche Intelligenzen unsere Gesellschaft langfristig verändert; viel konkreter ist es abzulehnen, daß die entwickelten Technologien ebenso zur gewaltvollen Sicherung von Herrschaft anwendbar sind. Gerade das Maschinelle Sehen ist ein Bereich, der für sämtliche militärische Anwendungen von großem Interesse ist. Schon seit mehreren Jahren kooperieren universitäre und private Forschungseinrichtungen in Tübingen mit Unternehmen, die in der Rüstungsindustrie tätig sind - und sind in etwa bei der Entwicklung von Drohnen ganz vorne mit dabei. Ganz explizit sollen Drohnen auch der Überwachung von Grenzen und Gebieten dienen. Dabei führt der Einsatz von Drohnen immer wieder zu tödlichen Unfällen. Sie können eben doch immer nur einen kleinen Teil der Realität sehen, und beherrschen eben nicht den Kreislauf von Wahrnehmung, Verständnis, Handeln und Lernen.

 

Bedenkenlose Grundlagenforschung zu Intelligenten Systemen, Geld aus Unternehmen wie Facebook und Amazon, und Interesse von sowohl kommerzieller als auch kriegerischer Seite - das ist die Mischung im Cyber Valley auf der Spitze von Tübingen.

 

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Auch der Biopharma-Riese CureVac, gesponsort u.a. von Bill Gates, baut neu.
2017, Resonanz Con(tra)sens

 

Weiterführende Links:

 

http://cyber-valley.de/

http://www.imi-online.de/download/2_2012_marischka_zivilkl_kl.pdf

http://www.tagblatt.de/Nachrichten/Amazon-baut-ein-Forschungszentrum-in-Tuebingen-Kooperation-mit-der-Max-Planck-Gesellschaft-351064.html

http://www.spektrum.de/news/wo-bleibt-der-mensch/1433132

https://amazon-presse.de/Top-Navi/Pressetexte/Pressedetail/amazon/de/Erfolgreich-mit-Amazon/171023-PM-Forschung-zu-K%C3%BCnstlicher-Intelligenz-Amazon-Max-Planck-Gesellschaft/


Audio

Beitrag zum Cyber Valley in Tübingen, 27.10.2017, 7:51min

Download (10,79 MB)
Cyber_Valley_RC20171027.mp3



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27.10.2017 21 Uhr




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