Aktuelles
Gegen den Strom
Mit großer Trauer nehmen wir Abschied von Gerda Maria Pflock, einer der prägenden Stimmen der Wüsten Welle.
Gerda war nicht nur unsere älteste Sendungsmachende – sie wäre in diesem Jahr 88 Jahre alt geworden – sondern auch eine der dienstältesten. Als Gründungsmitglied war sie beim Sendestart am 17. Juni 1995 im Studio dabei und hielt diesen Moment auf Video fest. Dieses Dokument des Anfangs ist bis heute ein Stück Radiogeschichte – festgehalten aus ihrer Perspektive.
Über mehr als 30 Jahre war sie mit ihrer Sendung Caleidophon „radio-aktiv“. Literatur und Politik standen dabei im Mittelpunkt: Buchvorstellungen, eigene Texte, Gedanken zu gesellschaftlichen Fragen. Ihre Sendung war nie glatt, nie beliebig, sondern immer getragen von einem eigenen Blick auf die Welt. In den letzten fast 20 Jahren wurde sie von Andrea unterstützt, die sowohl für die Musik als auch die Digitaltechnik verantwortlich zeichnete und mit der sie eine streitbare, aber innige Freundschaft verband.
Gerda war nicht nur Radiomacherin, sondern auch Autorin. Sie schrieb Kinderkrimis, verfasste Poesie und beschäftigte sich intensiv mit Prosa verschiedener Couleur, die sie auch öffentlich vortrug. In 30 Jahren Radiogeschichte hat es genau eine Programmbeschwerde bei der Landesanstalt für Kommunikation gegeben: Gerda hatte sich für eine On-Air-Lesung aus ihrem erotischen Roman entschieden. Im Nachmittagsprogramm. Für die Beschwerde zeigte sie keinerlei Verständnis und machte das auch in einem Brief deutlich. Auch das war Gerda. Für sie war Schreiben Ausdruck, Auseinandersetzung und Haltung zugleich.
Sie war ein politischer Mensch, jahrzehntelang linkspolitisch engagiert, streitbar und klar in ihren Positionen – und zugleich von einer großen Neugier geprägt. Sie wollte Dinge verstehen, nachfragen, herausfinden. Dabei machte sie keinen Unterschied zwischen Ebenen oder Zuständigkeiten: Für sie musste sich ein:e Ministerpräsident:in genauso den Fragen stellen wie jeder andere Mensch auch. Soziale Hierarchien waren für sie kein Maßstab.
Ihre Haltung war dabei nicht immer nur an politische Lager gebunden. Sie konnte sich auch für Argumente begeistern, die nicht aus dem eigenen Umfeld kamen, wenn sie sie überzeugten. Besonders am Herzen lag ihr die Idee einer bedingungslosen Grundsicherung. Für sie war das keine abstrakte Theorie, sondern eine Frage von Gerechtigkeit, Würde und gesellschaftlicher Verantwortung.
Gerda war eigensinnig, in allen Sinnen des Wortes. Nicht immer war es einfach, mit ihr umzugehen, sie war kein leiser Teil dieser Gemeinschaft, sondern eine, die ihren eigenen Weg gegangen ist. Sie selbst hat diesen Zug einmal beschrieben als „Widerspruchsgeist“: Der Drang, Dinge anders zu machen, gegen den Strom zu schwimmen, zu hinterfragen, neue Wege zu suchen und sich nicht zufrieden zu geben mit dem, was als „normal“ gilt.
Gerda war ein Charakter. Eine eigenständige Stimme. Eine, die dieses Radio über Jahrzehnte mitgeprägt hat. Sie wird fehlen – mit all ihren Ecken, Kanten und ihrer unverwechselbaren Art. In der Vielfalt der Wüsten Welle wird ihre Stimme eine Lücke hinterlassen.
Stimmen von Kolleg_innen
Als es ihr selbst noch besser ging, war sie ein sehr hilfsbereiter und dabei sehr warmherziger Mensch.
Ich kam in die Wüste Welle, ein Jahr nach der Gründung, auf Einladung von verschiedenen Redakteuren hin und sie nahm sofort Kontakt auf und interessierte sich für mein Leben, auch als Mutter mit kleiner Tochter und für mich als Künstlerin/Musikerin. Da sie politisch und gesellschaftlich sehr umtriebig war, überraschte mich, wie sie sich Zeit dafür nahm, neue Menschen intensiver kennenzulernen. Da wir ein paar Jahre in der Nähe voneinander wohnten, gingen wir gerne zusammen spazieren.
In der politischen Diskussion konnte sie eckig und kantig sein, wurde hin und wieder als unbequem empfunden, da sie auch gerne unerschrocken ihre Finger in offene Wunden legte, aber privat war sie herzlich zugewandt und konnte mütterliche Seiten zeigen.
Ich habe selten eine so aufrechte, selbstbestimmte, intelligente, vielschichtige und warmherzige Frau kennengelernt. Sie wird mir fehlen.
Ulrike Helmholz (Something Noise, Leitung Stimmworkshops)
Ich möchte mein Beileid aussprechen - ich bin selber sehr traurig, weil ich Gerda auch persönlich gekannt habe, als ich noch im Ländle lebte. Ich habe sie sehr gemocht. Sie war eine einfache und sehr nette Dame, mit viel Aufmerksamkeit für andere.
Ich werde mich immer an ihre lange Argumentationen in Plena errinern, weil sie immer ihre Position erklären. Alles für sie musste erklärt werden, selbst wenn (oder überhaupt) man nicht einverstanden war. Es war geil, sie hat Demokratie verkörpert. ?
Ich bin glücklich, dass ich einer derjenigen bin, die sie gekannt habe.
RIP Gerda
Steff (Pastoral Mécanique, Frankreich)










