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Sabrina Carpenter und Ikkimel drehen den Spieß um!
In der Sendung betrachten wir die Lieder und Künstlerinnen im Fokus und gehen dabei auf Texte, Albumcover und die Kritik darum ein.
Wer sich intensiver mit dem Thema beschäftigen möchte, findet im folgenden Artikel Hintergrundinfos, Beispiele und Analysen zu den Strategien, Rollenbildern und provokanten feministischen Statements der Künstlerinnen:
Wie Sabrina Carpenter, Ikkimel und ihre Vorgängerinnen feministische Rollebilder neu schreiben
Der Spieß wird umgedreht
Sabrina Carpenter, Ikkimel, Lady Bitch Ray und SXTN haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam:
Amerikanische Popsängerin, provokante Rapperin aus Berlin, eine promovierte Linguistin und ein Duo, das mit grobem Deutschrap den Mainstream aufmischte. Doch sie alle haben eine stilistische Strategie:
sexistische Begri"e aneignen, Stereotype umdrehen und durch bewusste Provokation weibliche Selbstbestimmung sichtbar machen.
Ihre Werke zeigen, dass Sexualität in Kunst und Popkultur nicht automatisch antifeministisch ist. Im Gegenteil, sie kann zum Instrument der Selbstbestimmung werden.
Sabrina Carpenter: "Man's Best Friend" und die Kritik am Albumcover
Am 29. August 2025 veröffentlichte Carpenter ihr neues Album "Man's Best Friend", mit Kritik und Kontroverse einhergehend. Auf dem Coverbild kniet sie vor einem Mann im Anzug, der sie an den Haaren hält. Kritiker:innen warfen ihr vor, sich zu sehr zu sexualisieren und damit feministische Rückschritte zu provozieren.
Doch Carpenters künstlerisches Profil spricht eine andere Sprache:
Seit Jahren arbeitet sie mit Ironie, Sarkasmus und Überzeichnung, besonders wenn es um Männerbilder und Sex geht. Songs wie Manchild (Männer als ewige Kinder), Tears (das Minimum gilt bei Männern als besonders) oder House Tour (Erwartungsdruck beim Dating) übertreiben Rollenklischees so sehr, dass sie sich selbst entlarven.
Die Kritik am Albumcover entblößt dabei vor allem einen Doppelstandard:
Während ironische Lyrics gefeiert werden, gilt visuelle Selbstinszenierung sofort als "zu viel". Carpenter reiht sich damit in eine feministische Tradition von Popstars wie Madonna, Britney Spears oder Doja Cat ein, die den Male Gaze, also wörtlich übersetzt den männlichen, oft auch sexualisierenden und objektivizierenden, Blick, bewusst inszenieren - um ihn zu dekonstruieren.
Ikkimel: Sprachgewalt und Bitchism neu entfacht
Im deutschen Rap ist es Ikkimel, die aktuell den Spieß umdreht. Männer nennen Frauen seit Jahrzehnten "Bitches", also erklärt Ikkimel: "Okay, dann bin ich eben die größte Fotze der Stadt" und macht sich die anfängliche Beleidigung selbst zu eigen.
Als Linguistin setzt sie auf die Dekonstruktion von Sprache. Begri"e wie "Bitch" oder "Fotze" werden reclaimt, also positiv umgedeutet und gegen das Patriarchat gewendet. In Songs wie Böser Junge ("Schnauze halten, Leine an, Schatz, jetzt sind die Weiber dran"), Bikini Grell ("großte Fotze der Stadt"), Unisexklo und
Who's That spielt sie mit Geschlechterrollen, Identität und Provokation.
Ihr Ansatz polarisiert: Während konservative Stimmen sie als "geschmacklos" kritisieren, feiern viele Fans sie als feministische Gegenmacht in einer Szene, die lange von Misogynie geprägt war. Ihre bewusste Provokation reiht sich ein in einem "Choice Feminism", der Hedonismus und Selbstbestimmung als politische Statements versteht.
Tradition und Vorbilder: Lady Bitch Ray und SXTN
Ikkimel steht nicht alleine. Schon vor fast 20 Jahren erfand Lady Bitch Ray den Begriff "Bitchism", die positive Aneignung eines Schimpfwortes, das Frauen für sexuelle Freizügigkeit abstrafen sollte. Mit Songs wie Ich bin ne Bitch setzte sie auf Selbstermächtigung, auch wenn ihr damals der große Durchbruch versagt blieb. Dies war der Beginn der Umdeutung eigentlicher Schimpfwörter, die negative Assoziationen hatten, mittlerweile aber neu besetzt und mit positiven Bedeutungen versehen werden. Ein bekanntes Beispiel dafür ist das Wort "Queer", das früher als abwertend galt, heute aber von der LGBTQ-Community zurückerobert und positiv besetzt wurde.
Darauf baute seit 2014 das Berliner HipHop-Duo SXTN, bestehend aus Juju und Nura. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb, leisteten sie "Pionierarbeit". Beide Künstlerinnen verfolgen seit ihrer Trennung 2018 erfolgreiche Solo-Karrieren.
SXTN mischte auf, provozierte und nahm dabei kein Blatt vor den Mund. Sie waren die ersten, die das Wort "Fotze" für sich reklamierten - in ihren Songs ein Ausdruck von Freundschaft unter Frauen. Mit Tracks wie
Die Fotzen sind wieder da und Hassfrau nahmen sie den männlichen Rappern die Worte aus dem Mund und drehten den Spieß um.
Damit führten Juju und Nura die Bewegung von Lady Bitch Ray fort. Begri"e, die usprünglich Frauen kleinmachen sollten, wurden umgedeutet und als Instrument gegen das Patriarchat eingesetzt. Dabei ebneten sie den Weg für heutige Rapperinnen, darunter auch Ikkimel.
Die Strategie der Umkehrung
Was Sabrina Carpenter, Ikkimel, Lady Bitch Ray und SXTN verbindet ist ein gemeinsames Muster:
Dazu gehört unter anderem die Umdeutung und Aneignung. Carpenter überzieht Männerbilder mit Sarkasmus, während Ikkimel und auch ihre Vorgängerinnen eigentliche Schimpfwörter wie "Bitch" oder "Fotze" positiv besetzen.
Auch das Spiel mit Stereotypen ist ein in ihren Songtexten zu erkennendes Muster. Sabrina kniet, aber selbstbestimmt und in Kontrolle. Ikkimel befiehlt, anstatt sich befehlen zu lassen.
Dass wohl eindrucksvollste Schemata, das von beiden verwendet wird ist die Sexualität als Instrument des Empowerments. Frauen definieren ihre Lust und die Inszenierung dessen selbst. Damit werden Tabus nicht für das männliche Auge, sondern für einen selbst gesprengt.
Fazit: Provokation als feministische Strategie
Ob Sabrina Carpenter im internationalen Pop oder Ikkimel im Berliner Deutschrap - beide machen sichtbar, dass Provokation, Ironie und das Spiel mit (noch bestehenden) gesellschaftlichen Tabus feministische Werkzeuge sind. Begriffe wie "Bitch" oder "Fotze" sind in ihren Händen nicht erniedrigend, sondern ein Ausdruck von Selbstermächtigung.
So unterschiedlich ihre Stile auch sind, Carpenter, Ikkimel, Lady Bitch Ray und SXTN zeigen:
Feminismus in der Musik ist vielfältig, kontrovers diskutiert und laut - und genau das macht ihn so wirkungsvoll.
Die komplette fem*rasant - Sendung vom Donnerstag, den 18.09.2025 um 17 Uhr findet ihr in unserer Mediathek.
Artikel von Chiara-Marie Usai,
Sendung von Chiara-Marie Usai und Lisa Schilling
Audio
Femrasant_11-09-2025-WAV_-_ohne_Musi.mp3
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