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Die Tübinger Hospizdienste e.V. verstehen sich als Leitplanke

Mitarbeiter_innen der Tübinger Hospizdienste e.V. und Boje Tübingen erzählen über ihre Arbeit beim ambulanten Hospizdienst und möchten das Thema Sterbebegleitung enttabuisieren

Die Begleitung von todkranken Menschen ist eine verantwortungsvolle und intensive Aufgabe. Die Mitarbeiter_innen Anja Reuss und Regine Lescher sowie ihr ehrenamtlicher Kollege Sven Herrmann erzählen im Wüste Welle Studio von ihren Erfahrungen und den Umgang mit dem Thema Sterbebegleitung.

Der Verein Tübinger Hospizdienste e.V. begleitet todkranke Erwachsene im Stadtgebiet Tübingen und Umgebung. Die Boje Tübingen ist ein häuslicher Hospizdienst für Kinder, Jugendliche und Familien. Die Tübinger Hospizdienste beschäftigen sechs Hauptamtliche und 80 Ehrenamtliche im Alter von 20 bis 80 Jahren. Betreut werden derzeit circa 100 Erwachsene sowie 20 Familien im Kinder- und Jugendbereich. Die Begleitungen variieren ab Diagnosestellung zwischen kurzen Einsätzen von Stunden über Tage und Wochen bis hin zu mehrmonatigen und jahrelangen Prozessen.

Anja Reuss war Kinderkrankenschwester und studierte Betriebswirtschaftslehre bis sie sich zur Hospizfachkraft weiterbildete. Bei dem Verein Tübinger Hospizdienste e.V. ist sie seit 2010 hauptamtlich beschäftigt. Allerdings arbeitet sie überwiegend für die Boje Tübingen. Daneben ist sie verantwortlich für Spendenübergaben und sie unterrichtet Hospizmitarbeiter_innen und Studierende aus dem Pflegestudiengang. Vor ihrer Ausbildung zur Hospizfachkraft war Regine Lescher Krankenschwester und Sozialarbeiterin. Seit September 2022 ist sie hauptamtliche Mitarbeiterin bei Tübinger Hospizdienste e.V. Sie begleitet insbesondere sterbende Erwachsene. Sven Herrmann ist hauptberuflich Lehrer und seit 2021 ehrenamtlicher Hospizmitarbeiter. Zwei Stunden in der Woche betreut er eine Familie.

Todkranke melden sich entweder selbst beim Hospizdienst oder die Anmeldung erfolgt über Psychosoziale Dienste, Krankenstationen, Kinderärzt_innen, Angehörige und Pflegepersonal. Im Anschluss findet ein erstes Kennenlernen statt, damit Begleiter_innen und Klient_innen feststellen können, ob sie gut zueinander passen. Die Mitarbeiter_innen der ambulanten Tübinger Hospizdienste für Erwachsene und Kinder besuchen ihre Klient_innen zu Hause, im Krankenhaus, im Kinderkrankenhaus oder im Pflegeheim. Die psychosoziale Betreuung steht dabei im Vordergrund. Betroffene werden im Leben sowie im Sterben bis in den Tod begleitet. Sowohl hauptamtliche als auch ehrenamtliche Mitarbeiter_innen wollen in ihrer Tätigkeit für die Betroffenen vor allem „Da sein“. Regelmäßige Supervisionen werden angesetzt, damit die Hospizarbeit für niemanden eine Belastung wird.

Für die Arbeit als Hospizmitarbeiter_in ist keine berufliche Vorbildung notwendig. Allerdings ist die Auseinandersetzung mit dem Thema Tod für alle Mitarbeiter_innen verpflichtend. Deshalb findet einmal im Jahr ein 120 stündiger Vorbereitungskurs und eine Infoveranstaltung statt. Hier wird nicht nur Fachwissen vermittelt. Es geht auch um die Auseinandersetzung mit sich selbst, mit ethischen Fragen sowie um die Themen Demenz und pflegerische Handreichungen. Sterbebegleiter_innen wird vermittelt, auf sich zu achten und auch gut mit anderen umzugehen. Kursteilnehmer_innen lernen das Thema Abschied in den verschiedenen Lebensphasen kennen. Zuletzt spielt das System Familie eine wichtige Rolle. Insgesamt soll durch den intensiven Ausbildungsprozess eine Professionalisierung der palliativen Pflege und Sterbebegleitung erfolgen.

Sein Handlungsfeld als Sterbebegleiter beschreibt Sven folgendermaßen: Nach einem Erstgespräch gebe er den Betroffenen und Familien vor allem Halt. Für Angehörige schaffe er Raum, damit diese etwas für sich unternehmen können. Es werde sowohl Raum für die Trauer geschaffen, als auch die Möglichkeit zum Erzählen gegeben. Trauergruppen und Trauerwochenenden helfen, um mit dem Verlust und dem Thema Tod umzugehen. Die Qualifizierung zum/zur Sterbebegleiter_in ist ein Prozess, auf dem man mit Augenhöhe mitgehen muss. Gedanken, Gefühle und Hoffnungen solle man dabei im Blick haben. Eine Lösung für alles gebe, es nicht. Jede/r habe ihren/seinen eigenen Prozess.

Und wie können Sterbebegleiter_innen Berufliches vom Privaten trennen? Es heißt: Gefühle, die bei der Hospizarbeit entstehen, sollen zugelassen werden, um sie anschließend wieder loszulassen. Weiterhin ist der Austausch mit Kolleg_innen essentiell.

Für die Trauerbewältigung bieten die Hospizdienste das Trauerkaffee, Trauerwanderungen und Trauergruppen an - auch für Kinder und Jugendliche. Dabei sei die Trauerbewältigung von Kindern und Erwachsenen unterschiedlich. Kinder erlebten Trauer im Hier und Jetzt, springen in Trauerpfützen und wieder heraus. Für Erwachsene dagegen sei Trauer ein schwerer Fluss, so Anja Reuss

Grundsätzlich begründet Regine die Leidenschaft für ihren Beruf mit dem großen Freiraum, der ihr gegeben sei. Als Krankenschwester habe sie bei Tod, Trauer und schweren Erkrankungen oft zielgerichtet handeln müssen und können. Als Sterbebegleiterin spüre sie dagegen die Endlichkeit, die Grenzen und die Ohnmacht im Angesicht des Todes. Bei Sven habe seine Großmutter, die ebenfalls für einen Hospizdienst tätig war, das Interesse für die Arbeit mit Sterbenden geweckt. Bei seiner Arbeit für den ambulanten Hospizdienst erinnert er sich oft an einen Spruch, den er auf einer Postkarte fand: „Man kann sich im Leben vor allem drücken, nur nicht vor dem Tod.“

 

 


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