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Theater Die Tonne läd ein zu Cabaret

Die Tonne erzählt mit Cabaret vom Wandel der Gesellschaft - im Berlin der frühen 30er Jahre - und das Drama, welches mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten auch in die schöne Glitzerwelt des Kit Kat Klubs in Berlin einzieht.

„Vor fünfzig Jahren kam der Film »Cabaret« in die Kinos. Er wurde mit acht Oscars ausgezeichnet und machte Liza Minelli weltberühmt. Nun ist die Tonne am Zug, Sie an runden Tischen mit tiefhängenden Lampen, zwischen Federboas und Fadenvorhängen zu erwarten. Willkommen, bienvenue, welcome! Im Cabaret, au Cabaret, to Cabaret! „

Die Tonne Reutlingen führt Cabaret auf: 

Die mit Pause zwei Stunden und 45 Minuten dauernde Vorstellung wurde mit Standing Ovation der Zuschauer_innen belohnt.

Berliner Luft aus den sündigen 1930er Jahren versprüht „Die Tonne, Reutlingen“
( Premiere war am 8. Dezember 2022 ) mit der Aufführung Cabaret – Packende Musik und ein Blick in das frivole Geschehen des Kit Kat Klubs. Viel Tanz und Gesang, als auch die ein oder andere romantische Liebesgeschichte, verzaubern das Publikum und nehmen zu Beginn der Show alle mit in eine Welt aus glitzernden, schrillen Kostümen, bezaubernden Tanzgirls und spiegeln die sehr diverse Welt der Menschen des Rotlicht Milieu Berlins in den 30ern wieder.

Nach und nach spitzt sich die sowohl private Situation einzelner Liebesgeschichten zu, wie auch die politische Situation, die durch den Wandel der Welt außerhalb des Kit Kat Klubs immer dramatischer und plakativer wird.

Die Nationalsozialisten stehen kurz vor der Machtübernahme und die politische Rechte greift mehr und mehr in das private Leben der Menschen ein. Um sich vor Sanktionen und Konsequenzen zu schützen, bleibt den Menschen nichts anderes übrig, als sich dementsprechend zu fügen.

Der Höhepunkt dieses Dramas eskaliert auf der Verlobungsparty von Frau Schneider, der Pensionswirtin und dem jüdischen Obsthändler Schulz.

Der erst so freundlich erscheinende Ernst Ludwig entpuppt sich als Nazi, trägt sogar seine Hakenkreuzbinde auf der Verlobungsparty zur Schau und zusammen mit einer Gesinnungsgenossin, dem Matrosen verschlingenden Fräulein Kost, bringt Ernst Ludwig die geplante Hochzeit von Frau Schneider und Herrn Schulz zum platzen.

Kurz vor der Pause ist auch die Dramaturgie wohl am Höhepunkt angelangt, als gleich 3 Darsteller_innen sich in ihrern Rollen als politisch Rechts mittels Hitlergruß outen. Das Absurde,  eine Person davon war zuvor in der Rolle inmitten der Kit Kat Tanzgirls zu sehen in Damenreizwäsche. Dieselbe Person sieht das Publikum nun in der Rolle als Matrose, die zusammen mit Erwin Ludwig und dem Fräulein Kost den Arm zum Hitlergruß heben. 

Danach war Pause. Die Stimmung meiner Ansicht nach betroffen, schwermütig bis hin zu gelähmter Bewegungslosigkeit. Es dauerte, bis die Theaterbesucher_innen aufstanden und den Raum verließen, um sich zu erfrischen.  Eine Stille und Schwere lag in der Luft, die erst nach der Pause etwas nachließ. 

Mit der Wahl der Darsteller_innen, ihren provokativen, sarkastischen Rollen innerhalb des Stückes, wie auch der Umsetzung von Texten und Musikstücken, durch Kostüm, Gestik und Mimik der einzelnen Hauptdarsteller_innen, wird die nötige Tiefsinnigkeit der Aufführung erzeugt.

Sehr schön ist auch, einen Bezug zur Gegenwart zu sehen. Es wird, wie ich finde, durch die Rollenverteilung diverser Darsteller_innen, sehr dramatisch der Bogen gespannt, von den damaligen politischen Umschwüngen der Gesellschaft - der immer mehr aufkommenden Erstarkung der politischen Rechten – zu dem heute wieder akuten und aktuellen Diskurs über Diskriminierung und Diversität innerhalb unserer heutigen Gesellschaft 2022.

Ein starkes Stück mit viel Diversität und schwarzem Humor vorgetragen von einem ebenfalls wundervollen, diversem Ensemble. 

Sally Bowles, gespielt von der bezaubernden, wie auch ausdrucksstarken Bernadette Hug, beendete das Spektakel auf der Bühne mit einem letzten, finalem Höhepunkt der Schauspielkunst: einem eiskalten und zum Nachdenken anregenden Blick in das Publikum. Einem Blick, der pure Abscheu zu empfinden scheint, für die Scheinheiligkeiten und die Ignoranz der "zusehenden" Gesellschaft.

Zu überlegen wäre, etwas weniger "Musical-Charakter" zu wählen. Etwas mehr gesprochener Text würde, meiner Ansicht nach, dem Stück nicht schaden. Die musikalische Umsetzung und auch die Musik der Combo waren allerdings ein Ohrenschmaus.
Auch Jonas Breitstadt in der Rolle als Confèrencier, der etwas an Gustaf Gründgens als Mephisto erinnert, spielte und sang seine Rolle hervoragend. Auch alle weiteren Darsteller_innen, vom inklusiven Theateresemble bis zu den Kit Kat Klub Tänzer_innen, waren wahrhaft autentisch und spielten die Rollen sehr suverän.

Die Bühne, mit den verschiedenen Ebenen und Abständen zum Publikum, fand ich sehr gelungen. Es gab überall was zu sehen, selbst wenn man den Blick schweifen ließ, weg von der Hauptszene, blieb man im Geschehen.

Die Statisten waren wundervoll und immer bemüht, sich in der Rolle zu bewegen, auch ohne zuviel Blicke  dabei zu erhaschen.

Eine wirklich sehr gelungene Cabaret Vorstellung. Wäre das Thema nicht so ernst gewesen, hätte sicher der/die ein oder andere gern zur Musik das Tanzbein mitgeschwungen und sich von der ausgelassenen Stimmung des Kit Kat Klubs mitreißen lassen.


Audio

Beitrag Cabaret - Aufführung in der Tonne RT am 9.12.22

Download (25,82 MB)
Beitrag_Cabaret_Die_Tonne_9-12-22.mp3



Sendetermine

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19.12.2022 10 Uhr



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