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Tübinger Stolperstein-Initiative

Am 24. Juni werden ab 9:00 20 Stolpersteine an 18 Orten in Tübingen verlegt. Sechs Steine erinnern an jüdische Mitbürger, elf an Menschen, die wegen einer "Behinderung" ermordet wurden, und drei Steine an Bürger*innen, die politisch verfolgt wurden.

Die Idee der Stolpersteine kam 2011 nach Tübingen. Zuerst wurden Stolpersteine in der Südstadt verlegt. Ab 2016 ist dieses Projekt weiter in die Innernstadt gewandert. Gertrud Sänger ist Teil der Initiative und hat sich seitdem dafür eingesetzt. Das Ziel war zunächst, den jüdischen Mitbürger*innen zu gedenken, die in Tübingen gewohnt haben, aber fliehen mussten, die zum Teil deportiert oder umgebracht wurden. Frau Sänger meinte, dass sie in diesem Bereich noch nicht fertig sind.

In der nächsten Stolpersteinverlegung gibt es noch weitere Steine für jüdische Bürger*innen. In der Initiative hat aber schon lange festgestellt, dass sie auch andere Opfer bedenken sollen, die ermordet wurden oder schlimme Erfahrungen sammeln mussten.

Die Verlegung findet alle zwei Jahre statt. Die Initiative betreibt viel Recherche. Zuerst recherchiert die Gruppe über die Biographie und den Wohnort der Personen, die man mit Stolperstein bedenken möchte. Dabei ist das Stadtarchiv eine große Unterstützung. Auch durften sie Krankenakten in der psychiatrischen Klinik vor Ort einsehen, falls vorhanden. Es besteht bei Menschen, die vor 1945 ermordet wurden, kein Datenschutz. Man muss damit vorsichtig und sensibel umgehen, nicht alles darf an die Öffentlichkeit kommen. Dann nimmt man Kontakt zu Angehörigen und Heilstätten auf. Schließlich kommt der Stolperstein auf die Straße vor den letzten frei gewählten Wohnort der Leute.

Zweimal im Jahr werden die Steine geputzt. Frau Sänger findet es schön, wenn die Passant*innen beim Putzen vorbei laufen und danach fragen. Gegen die Kritik, dass man auf den Stein tritt, meinte Frau Sänger, dass man beim Laufen den Stein wahrnimmt und nicht darauf treten würde. Zudem stoppt man vorm Stolperstein und beugt sich nach vorn, um die Schrift auf dem Stein zu lesen, was Frau Sänger für eine schöne Geste hält. Die Gruppe ist froh darüber, dass es in Tübingen bisher noch keine negativen Emails oder Anrufe gab. Man empfindet, dass die Tübinger Bevölkerung eine breite Unterstützung gibt.

In der Broschüre stehen die Biographien der Personen, die einen Stolperstein bekommen werden. Dazu zählt eine Frau, die einen Kommunisten zuhause versteckt hat, der später verhaftet wurde und ihren Namen preisgegeben hat. Wichtig ist, "dass des ans Licht kommt". Als Motto zitiert man von Hilde Bertrand, deren jüngerer Bruder Karl Eugen Luz im Alter von sieben Jahren in Grafeneck ermordet wurde.


Audio

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Stolperstein-Initiative_lang.mp3


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Stolperstein-Initiative_kurz.mp3





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