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Queer durch Tübingen

Wenn man durch Tübingens Altstadt schlendert, denkt man sicher zunächst an die Geschichtsträchtigkeit der Stadt im Allgemeinen und weniger daran, welche Rolle Queerness in Tübingen spielt und vor allem gespielt hat. Bei dem Stadtrundgang "Queer durch Tübingen" im Rahmen der Queeren Woche ging es aber genau darum.

Was haben der Generalsaatsanwalt Fritz Bauer und König Karl von Württemberg gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht sonderlich viel, lebten sich doch nicht zur gleichen Zeit. Beschäftigt man sich aber näher mit ihnen, so wird klar, dass beide homosexuell waren und beide eine Zeit ihres Lebens in Tübingen verbracht haben.

Bei der Stadtführung "Queer durch Tübingen", geleitet vom Stadtarchivar Udo Rauch und dem Historiker Karl-Heinz Steinle ging es unter anderem um König Karl und Fritz Bauer, aber auch um eine Transsexuelle namens Marianne und darum, welche Rolle Tübingen bei der Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich gespielt hat.

König Karl, der zeitweise am Schimpfeck wohnte, interessierte sich mehr für Literatur und Musik als für die Regierungsgeschäfte. Und er interessierte sich mehr für Männer als für Frauen. So hatte er als junger Mann ein Verhältnis mit dem Baron Adolf von Ow-Wachendorf, wie aus Liebesbriefen hervorgeht.

Marianne, die Ende der 80er Jahre nach Tübingen kam, um ihren Zivildienst zu absolvieren und eine Ausbildung zu beginnen, htte schon als Jugendliche gemerkt, dass sie sich mehr wie eine Frau fühlte als wie ein Mann. Dennoch war der Prozess bis sie als Frau anerkannt wurde, langwierig. Jedoch lernte sie in Tübingen ihre spätere Frau Friederike im damaligen Gasthaus Hades in der Hafengasse kennen. Friederike unterstütze sie bei diesem Prozes, der von zahlreichen psychologischen Gutachten geprägt war und Marianne immer wieder in eine solche Verzweiflung trieb, dass sie imer wieder versuchte, sich selbst umzubringen. Schlussendlich wurde sie aber als Frau anerkannt.

Ein weiterer wichtiger Ort in der queeren Geschichte Tübingens ist die ehemalige Polizei nahe der Stiftskirche, in der sich heute ein Wohnprojekt befindet. Zu Zeiten des Nationalsozialismus befand sich hier eine Außenstelle der Gestapo, die nach dem Paragraphen 175a Homosexuelle strafrechtlich verfolgte. Dabei galten wie bisher nicht mehr nur "beischlafähnliche Handlungen" als strafbar sondern alle "unzüchtigen Handlungen".

Ein weiterer Protagonist der queeren Geschichte Tübingens war Fritz Bauer. Er ist vor allem für seine initiative beim Auschwitzprozess bekannt, weniger für seine Homosexualität, die er ob des Paragraphen 175 geheim hielt. Auch seinen jüdischen Glauebn lebte er nicht groß aus, da er sich nicht vorwerfen lassen wollte, dass er aus Rachegedanken Teil des Auschwitzprozesses war. Der Jurist brachte sich 1968 in Frankfurt um. Tatsächlich konnte nie vollständig nachgewiesen werden, ob er wirklich homosexuell war.




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