Login

 Infos und Regionales


LOKALMAGAZIN


Beiträge & Artikel

Video-Ausstellung „Selon notre regard“ :: Absurde, fließende und eingebrannte Grenzen

Folge 3: Am deutsch-französischen Institut Tübingen wurden Videos von fünf Künstlerinnen gezeigt, die einen unterschiedlichen kulturellen Hintegrund mitbringen und ihre Wahrnehmung von Landschaft und Natur präsentieren. Rebecca Digne, Mali Arun und Shriley Bruno thematisieren dabei auch verschiedene Formen von Grenzziehungen.

Im Video „Tracer le vide“ (zu dt. „Die Vermessung der Leere“) von Rebecca Digne wird die Grenze der Küstenlandschaft zwischen Italien und Frankreich mit einem dicken Seil abgemessen. Die Künstlerin filmt mit 16-mm und Super 8 – Kamera, weshalb der Film abwechselnd in schwarz-weiß und in Farbe erscheint. Der textlose Film betont damit, wie Grenzziehungen sich scheinbar zeitlos durch die Geschichte ziehen. Die gespannten Seile können dabei gleichzeitig für Verbindung stehen, die Knoten für Spannungspunkte.

„Paradisus“ von Mali Arun ist im Nationalpark in Krka aufgenommen. Anfangs filmt sie die vielfältige Landschaft mit ihren leisen Tönen. Es erscheinen zunächst zwei Menschen, die durch die scheinbar unberührte Natur streifen und im See baden. Der Text der Genesis wird vorgelesen, die beiden ersten Menschen symbolisieren Adam und Eva. Schließlich wird die Szenerie mehr und mehr von touristischen Strömen überlaufen. Ein Reisebus nach dem anderen trifft ein, die Geräuschkulisse wird zum Lärm aus tausenden Quellen, die kein harmonisches Gesamtgeräusch bilden. Radio- und Gesprächs-Fetzen, Motoren, Handyklingeln. Um eine Distanz zu dieser absurden Entwicklung innerhalb eines Tages zu gewinnen, hat Arun mit einer Infra-Rot Kamera aufgenommen, was die Kontraste in schwarz-weiß hervorhebt und damit stechende Bilder erzeugt, die einem modernen Krimi entnommen sein könnten. „Ich fand sehr sehr richtig, wenn wir über Landschaft sprechen auch über Massentourismus zu sprechen, weil unsere Attraktion zur Natur eigentlich nicht gut für die Natur ist.“, meint die Kuratorin Liberty Adrien.

Die Künstlerin Shirley Bruno ist in New York geboren, lebt aber auch in Frankreich und Haiti. Ihr Film „An exvacation of us“ handelt vom ersten großen Sklav*innen-Aufstand 1791 in Haiti zur Zeit der Französischen Revolution in Frankreich. Der Legende nach hat Marie-Jeanne, die auch französische Soldaten verführt und vergiftet haben soll, jene in eine Höhle geführt. Im Video treffen also geschichtliche Tatsachen auf mythische Fiktion in dem Versuch, ein vollständigeres Bild der Geschichte darzustellen. In mythischen Erzählungen konnten Erfahrungen der Betroffenen Bevölkerung einfließen, während die geschriebene Geschichte eher von den Kolonialmächten geschrieben wurde. Aus Marie-Jeanne´s Sicht wird von dem Führen der Soldaten in die Höhle berichtet. Dabei sieht man in der schwarz-weiß aufgenommenen Höhle nur die Schatten – von Soldaten und Kanonen beispielsweise. Teilweise wurde das Video animatorisch nachbearbeitet, wordurch gegen Ende surreale, psychedelische Effekte eintreten. Bruno verschafft einen postkolonialen Blick auf die haitianische Geschichte und den erfolgreichsten Sklav*innen-Aufstand der Geschichte.

Während die Grenzziehung in „Tracer le vide“ absurd anmutet, verschiebt sich die Grenze in „Paradisus“ zu ungunsten der Natur, indem der Massen-Tourismus hineinbricht und die Szenerie vereinnahmt. In „An exvacation of us“ haben sich die Grenzen zur Kolonialmacht schmerzhaft in das kollektive Gedächtnis der haitianischen Bevölkerung und in ihre Körper eingebrannt.

Dieser Beitrag ist die dritte und letzte Folge einer Reihe über die Ausstellung "Selon notre regard".


Audio

Download (29,35 MB)
Beitrag_Selon_notre_regard__drei_letzte_Videos.mp3



Bilder





Freies Radio Wüste Welle, Hechinger Str. 203, 72072 Tübingen :: +49 7071 760 337 :: buero@wueste-welle.de