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Einfach aufgehängt :: "Die Erde ist ein Kunstwerk"

Beim Hochlaufen der Neckargasse von der Neckarbrücke Richtung Holzmarkt ist seit einiger Zeit gut sichtbar ein großes Transparent aufgehängt. An der Mauer der Stiftskirche hängt es, an den Enden durch Holzleisten verstärkt. „Die Erde ist ein Kunstwerk“ steht rot umrahmt als eine Art Überschrift.

Die bunten Farben und die aufgemalte Erde fallen beim Betrachten des Transparentes mit dem langen Text ins Auge. Auf dem Werk ist dabei nicht abzulesen, wer der Verfasser ist. Vor „Die Erde ist ein Kunstwerk“ hingen von diesem bereits 2 weitere Transparente an derselben Stelle. Im Interview erzählt er, Kurt Hohndorf, wie es dazu kam. Der Projekt-Reihe mit den drei Transparenten gingen einige weitere Aktionen voraus, beispielsweise den „zweiten weißen Baum“, den der Künstler an der Stiftskirche anbrachte. So habe er sich herangetastet und der Ort in der Neckargasse biete sich an, da er zum Verweilen einlädt.

Die Transparente wollen dabei den Vorbeigehenden etwas mitteilen. Für Kurt Hohndorf, der sonst vor allem Landschaften malt, gehört dies zum Dasein als Künstler dazu: Kunst ist für den Menschen verantwortlich, „nicht alleine, aber eben auch sehr stark“, „denn der wird immer Schwierigkeiten haben.“ Eine Schwierigkeit sieht der Entringer Künstler in der Art und Weise, wie in unserer Zeit mit Technik umgegangen wird, welche Rolle und welchen Stellenwert sie in der Gesellschaft inne hat. So würde die Abhängigkeit vieler Menschen von Programmen und Systemen immer schlimmer. Außerdem sieht er eine Abwendung vom Menschen hin zur maßlosen Bewunderung von Technik kritisch. „Die kommen gar nicht auf die Idee mehr die Leute vor lauter Technik, dass sie selber die größte Technik in sich haben.“ Kurt Hohndorf outet sich dabei selbst als „Raketenbewunderer“, es geht ihm auch nicht darum, technischen Fortschritt zu dämonisieren, der ja auch zu manch geistiger Erkenntnis erst geführt habe.

Vor allem geht es ihm mit der Transparent-Aktion darum, eine Frage anzustoßen: „Wer sind wir eigentlich selber?“ Und was ist der Ort auf dem wir leben, der Planet Erde? Hier plädiert der Künstler dafür, die Erde als Ganzes zu erleben und zu sehen statt bloß Details von ihr in ein paar Zahlen festzuhalten. Ein Erlebnis, das ihn zu dieser Sichtweise auf das Leben geführt hat, war eine Landschaft auf einer Hochebene im Schwarzwald. Dort verbrachte er mit seiner Familie eine Zeit in einer Hütte, wo er auch sechs Wochen eine Landschaft malte – der Beginn seiner Tätigkeit als Maler. Rückblickend meint er, er sei dort gewachsen, da er die Dinge in ihrem Wachsen beobachtete und aufs Papier brachte. Diese Art des Bezugs zur Welt sucht Kurt Hohndorf nun nicht nur in der Malerei. Nicht technischer Gestalter, Planer und Macher zu sein, sondern von der Natur und Umwelt lernen, sich treffen und faszinieren lassen – dies täte der Welt wohl auch in anderen Lebensbereichen gut.

Einigen Passierenden in der Neckargasse scheint es dagegen schwer zu fallen, sich auf die Inhalte des Transparentes einzulassen. Wegen der Ästhetik, der teilweise dramatischen Wortwahl, nicht vorhandenen Quellenangaben wie der Anonymität des Produzenten haben Manche in Zeiten von einem omnipräsenten Diskurs über ‚Fake News‘ und Verschwörungstheorien eine Skepsis, die eine Auseinandersetzung mit den Inhalten blockiert, um die es dem Künstler geht. Das Bedürfnis, die Eindrücke beim Lesen und Betrachten von „Die Erde ist ein Kunstwerk“ einzusortieren, scheint daher sehr stark zu sein. Vermutlich dürfte eine Intention des Künstlers, der ja zum Nachdenken anregen will, aber gerade jene gewesen sein, dass sein Werk eben nicht schnell einsortiert wird. Im Interview wird deutlich, dass Kurt Hohndorf in keine der Kategorien passt, mit dem einige Vorbeigehende sein Werk verbinden: er spricht sich gegen die Vereinnahmung des Menschen durch jegliche Ideologie, Kirche und durch Dogmatismus aus. Der Mensch soll wachsen können, sich wertschätzen dürfen und der Erde, auf der er lebt, neugierig begegnen. Dass es mit Worten schwierig ist, eine Erfahrung zu beschreiben, die sich von einigen Vorstellungen löst, die sich historisch in die Sprache eingeschrieben haben, dürfte eine Herausforderung für das Neckargassen-Transparent gewesen sein. Der Künstler ließ durchblicken, dass es nicht sein letztes Transparent war. Man kann gespannt sein auf Transparent Nummer vier.  


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