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Video-Ausstellung 'Selon notre regard' :: Von Kontra-Fahnen und einer fiktiven Dichterin

Folge 2: In der Ausstellung am deutsch-französischen Institut Tübingen wurden Videos von fünf Künstlerinnen gezeigt, die aus unterschiedlichen kulturellen Hintegründen eine verschiedene Wahrnehmung von Landschaft und Natur präsentieren. Im Werk von Edith Dekyndt ist eine transparente, wehende Fahne vor Himmel über New York zu sehen.

Im tonlosen Farbfilm "One second of silence" von Edith Dekyndt weht eine transparente Fahne vor Großstadthimmel über New York. Dekyndt, die in Ypres in Belgien geboren wurde und in Berlin lebt und arbeitet, thematisiert damit einen meditativen Raum, der über dem hektischen Treiben zu schweben scheint. Dort wirkt auch die herrschende zeitliche Dimension verschoben. Die 'entleerte Fahne' verschwimmt in ihrer Durchsichtigkeit dabei scheinbar mit dem Himmel. In dem 'Raum ohne Wände', der sich scheinbar unerreichbar und vermutlich unbeachtet über den Menschenmassen befindet, wirkt es auch so, als ob andere wesentliche Perspektiven normierter Sichtweisen aufgehoben wären: Fiktion und Wirklichkeit verschwimen im Spiel von Sichtbarkeit und Verborgenem, wenn sich Lichtreflexe auf dem transparenten Stoff spiegeln.

In "Aurélia Steiner" von Marguerite Duras, die vor allem als Schriftstellerin bekannt ist, liest eine fiktive Dichterin eine Art Liebesbrief an ihren abwesenden Liebhaber und verarbeitet dabei auch ihre jüdische Vergangenheit. Der Text wurde im Gegensatz zu anderen Video-Projekten von Duras eigens für den Film geschrieben. Im schwarz-weiß Film von 1979 zu sehen sind Landschaften, die scheinbar bezugslos und gewissermaßen auch geschichtslos in ihrem starken Eindruck nebeneinander stehen, was durch die Schnitte im Film verstärkt wird. Der Film beginnt mit dem Riss in einem Stein. Gerade die Leere eines Bahnhofs und ein Fensterkreuz, hinter dessen Vorhang nur Umrisse zu sehen sind, verstärkt den Eindruck einer Abwesenheit von Lebendigkeiten. Der dissoziative Eindruck wird durch die Ausdrucksweise verstärkt, in der die gesprochene Sprache auftritt. Sie harmoniert nicht mit den Landschaftsaufnahmen, sondern schiebt sich darüber und darunter. Der Text, der von Duras selbst auf eine ruhige, bedachte Weise vorgetragen wird, lässt zwischen den Worten, Satztellen und Sätzen Raum für Stille, in denen die Eindrücke fließen und anschwellen. Dies führt trotz der sanften Vortragsweise zu einem leidenschaflichen Sog, der am Ende des Videos in Wellenreflexe des Meeres mündet.

Die Ausstellung im deutsch-französischen Institut in Tübingen ist bereits vorbei, ist aber noch über einen virtuellen Rundgang zu sehen.

Dieser Beitrag ist die zweite Folge einer Reihe über die Ausstellung "Selon notre regard". Drei weitere Videos der Ausstellung werden noch thematisiert.


Audio

Download (18,35 MB)
Beitrag_Selon_notre_regard_Werk_1_und_2.mp3



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