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Kundgebung "Free Palestine" :: Die lange Geschichte des Nahost-Konfliktes

Am 15. Mai 2021 fand in der Platanen-Allee in Tübingen eine Kundgebung für ein freies Palästina "vom Jordan bis zum Mittelmeer" statt. Anlass war neben den aktuellen Geschehnissen im Nahost-Konflikt auch der traditionell von Palästinenser*innen auf der ganzen Welt begangene Tag der "Nakba", was auf der Kundgebung mit "Katastrophe" übersetzt wurde. Damit ist der Tag der Vertreibung der Palästinenser*innen gemeint.

Historisch erscheint es schwierig, aus deutscher Perspektive über den Nahost-Konflikt zu sprechen, da sowohl Rassismus als auch Antisemitismus weit zurückreichen. Zudem ist in Deutschland zur Zeit eine rassistische Berichterstattung zu beobachten, die von einem vermeintlich 'importierten Antisemitismus' spricht und damit Rechtfertigungen für beispielsweise die deutsche Abschiebungs-Politik sucht. Diese Schwierigkeiten im Hinterkopf wird im Beitrag versucht, die Stimmen, die in und um die Platanenallee zugegen waren, einzufangen und zusammenzustellen, um sich dem hoch-komplizierten, verstrickten Thema des Nahost-Konfliktes vorsichtig zu nähern.

Auf der Kundgebung am 15. Mai gab es verschiedene Redner*innen, den Beitrag eines Rappers und das Abspielen eines ZDF-Interviews mit der Politikwissenschaftlerin Helga Baumgarten. In einigen Reden wurde der erlittenen Gewalt und des materiellen und kulturellen Verlusts auf palästinensischer Seite gedacht. Die 'Nakba' erinnere an eine Zeit, in der 800 000 Palästinenser*innen obdachlos beziehungsweise staatenlose Flüchtlinge wurden - eine Population von 67 Prozent der damaligen Bevölkerung. Dabei wurden historisch die verschiedenen Kriege und Intifadas im Nahost-Konflikt auf eine Besatzungs-Logik des israelischen Staates zurückgeführt - so beispielsweise der Krieg 1967, im Zuge dessen ca. 200 000 Palästinenser*innen vertrieben worden seien.

Auch wurde von einem Betroffenen aus einem Dorf an der Staatengrenze Israels von persönlich erlittener Gewalt berichtet und kritisiert, dass die Gewalt verschieden bewertet würde, je nach dem von welcher Seite sie ausgehe. Vertreibung und Besatzung würden seit 70 Jahren fortdauern, Isreal wurde eine rassistische Politik vergeworfen. Auch wurde beklagt, dass sich seit Jahrzehnten um das Leid der Palästinenser*innen nicht gekümmert würde. Eine live zugeschaltete Sprecherin aus Jerusalem prangerte eine fehlende Meinungsfreiheit und Mitbestimmung der Palästinenser*innen in Israel an. Eine Organisatorin erzählte im Interview, dass die Kundgebung sehr kurzfristig organisiert worden sei.

Die Forderung eines "freien Palästinas vom Jordan bis zum Mittelmeer - from the river to the sea" wurde seitens der Kundgebung unter anderem damit begründet, dass dies nicht bedeuten würde, dass dort Jüd*innen keinen Platz hätten. Das geforderte "freie Palästina" mache keinen Unterschied zwischen Religion, Geschlecht oder Herkunft. Dagegen sei aktuell für die Sprecherin dort kein Platz, da sie und ihre Familie nicht zurück dürften.

Im Interview kritisierten Teilnehmer einer Gegen-Kundgebung, die spontan von einer Einzelperson angemeldet wurde, dass die Forderung eines Palästina 'from the river to the sea" keine einer Zwei-Staaten-Lösung sei. Israel, das ein Schutzraum der Jüd*innen weltweit sei, würde so ein Existanzrecht abgesprochen. Die Gegenkundgebung wurde laut eigener Aussage der Teilnehmer von einigen Teilnehmern der 'Free Palestine'-Kundgebung auch verbal und körperlich angegriffen, von einer Person seien sie auch als "Juden" beschimpft worden.

Ein Teilnehmer der Gegenkundgebung erwähnte, dass der Chef der Autonomiebehörde im Westjordanland seit 16 Jahren an der Macht sei, obwohl er nur für 4 Jahre gewählt sei. Auch Palästinenser*innen seien gegen diese korrupte Verwaltung. Zu einer Zwei-Staaten-Lösung komme es nur, wenn ein israelischer Staat dort akzeptiert würde. Im ZDF-Interview von Helga Baumgarten, das im Rahmen der Kundgebung auch abgespielt wurde, wird zudem die Hamas als 'linke Gruppe' bezeichnet. Von der Gegenkundgebung, die vom Rande der Neckarbrücke die Kundgebung beobachtete, war nach außen hin nur ein Transparent mit der Aufschrift "Gegen jeden Antisemitismus" sichtbar.

Eine Telnehmerin der 'Free Palestine'-Kundgebung meint im Interview, sie hätte die Gegenüberstellung des Transparentes als Unterstellung empfunden. Wäre das Transparent als Teil der Kundgebung aufgehängt worden, wäre es laut ihr besser gewesen. In Deutschland gäbe es andere Adressat*innen, zu denen eine Kritik am Antisemitismus viel eher angebracht wäre. Auf der Kundgebung sei kein Platz für antisemitische Äußerungen gewesen.


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