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CineLatino 2021 :: 2. Rezension Cholitas

Der Dokumentarfilm "Cholitas" ist Empowerment pur: Fünf indigene Bolivianerinnen wollen den höchsten Berg Amerikas besteigen.

Am Abend vor der Schlussetappe steht eine Frau vor einem gewaltigen Bergpanorama und sieht in die Ferne. Auf 6000 Metern Höhe trägt sie jedoch keine klassische Bergsteigerausrüstung, sondern ihren traditionellen Rock, der kurz unterhalb der Knie endet. „Es war wie ein Traum“, sagt die gleiche Frau aus dem Off. „Ich habe einen Atemzug genommen und wurde stark.“ Am nächsten Tag will sie den Gipfel des höchsten Berges von Amerika erreichen, den Aconcagua in Argentinien.

Der Dokumentarfilm „Cholitas“ von Regisseur Jaime Murciego und Co-Regisseur Pablo Iraburu handelt von fünf indigenen Aymara-Frauen aus Bolvien, die gemeinsam den Gipfel erreichen wollen. Es sind keine Athletinnen, keine professionellen Kletterinnen, um die es hier geht. Dora, Cecilia, Liita, Lidia und Elena sind Hausfrau, Lehrerin, Ehefrau. Lidia ist sogar schon Großmutter. Ihre Ehemänner sind Bergführer, die Frauen arbeiten jedoch häufig für die Familie, sind zuhause, kümmern sich. Diese Reise ist etwas Besonderes für sie und wurde durch das Filmprojekt finanziell möglich gemacht. Mindestens 20 Tage werden sie unterwegs sein, zum ersten Mal mit dem Flugzeug fliegen, für die Familie nicht erreichbar sein, nicht für den Ehemann kochen. Beim Abschied gibt es Tränen, dann aber jubeln sie: Vamos Cholitas! Es ist ungewöhnlich, dass Frauen, insbesondere indigene Frauen, eine solche Tour machen. Schon auf dem Weg nach Argentinien wird sichtbar, wie sehr die fünf auffallen: Die leuchtenden Farben ihrer Kleidung und ihre halblangen bunten Röcke stechen klar aus dem eintönigen Grau des Flughafens heraus. Statt Wanderrucksäcken tragen sie Bündel aus Tuch auf dem Rücken. Inmitten des kargen Gebirges und neben professionell eingekleideten Wanderern sind die fünf Frauen immer wieder auffallend.

Es gibt viele Filme, deren Ziel sich um das Erreichen eines Gipfels dreht. Oft sieht man dabei atemberaubende athletische Leistungen von hochtrainierten Sportlern, bei denen es gilt, den Berg zu bezwingen. Dieser Film ist anders, kein klassischer Bergsteigerfilm und das liegt an seinen fünf Protagonistinnen. Vor ihrer Abreise in Bolivien, am Basecamp im Gebirge und immer wieder während des Aufstieges beten sie zu Pachamama und dem Achachila; der Mutter Erde und dem Vater Berg, sie bitten um Erlaubnis, dort sein zu dürfen. Wie Angehörige der Aymara es oft tun, bringen sie Cocablätter als Opfergaben dar, bitten um gegenseitigen Respekt. Es fließen Tränen, es wird gelacht und getanzt. Langsam, aber stetig steigen sie den Berg empor. Die bunten Röcke flattern im Wind. Es geht nicht um den Gipfel, es geht um die gemeinsame Reise heraus aus dem Zuhause, in dem sie immer waren. Es geht darum, die eigene Stärke zu finden. 




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