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"Blutschande" :: Ein leises Drama von Klaus Zeh

In der Erzählung "Blutschande" geht es um den Verdacht von sexuellem Missbrauch und um die Zivilcourage eines leidenschaftlichen Sozialarbeiters, der auch nach der Rente nicht einfach Augen und Ohren zu verschließen vermag.

Das Buch „Blutschande“ von Klaus Zeh ist dem Autor nach kein reißerisches Buch, sondern eher ein leises Drama. Es geht um den Verdacht von sexuellem Missbrauch in einer Familie und über die Zivilcourage des berenteten Sozialarbeiters Niklas. „Blutschande“ ist unter anderem deswegen ein leises Buch, da der Missbrauch im Buch nicht passiert und nicht direkt ausgesprochen wird, es ist eben nur ein Verdacht, der Niklas umtreibt – und es bleibt auch ein Verdacht im Laufe des Buches.

Niklas ist seit ein paar Wochen in ein 'mobile Home' nach Irland in eine Bucht in Donegal gezogen, in der nur sieben Trailer stehen. Er will dort sein Lebenswerk schaffen: ein Buch über die Gespräche, die er im Rahmen seiner Arbeit mit Kindern hatte. Einige dieser Kinder haben Missbrauch erfahren. Eigentlich wollte er das Thema mit dem Schreiben dieses Buches auch abschließen, doch er kommt nicht zum Schreiben. Die Begegnung mit einem Mädchen treibt ihn um, dessen flüchtiger Anblick ihn an die Kinder erinnert, die ihm von Missbrauchs-Erlebnissen erzählt hatten. Im Laufe des Buches begegnet er dem Mädchen dreimal und sie kommen auch ins Gespräch, doch sie erzählt ihm nichts. Dennoch verhärtet sich sein Verdacht. Wie geht es ihm mit diesem Verdacht? Wie geht er damit um? Schaut er weg? Befasst er sich damit? Soll er sogar eingreifen?

Donegal war früher ein einsamer Landstrich und die Bucht gibt es wirklich. Klaus Zeh hat eine „ganz große Liebe für Irland“, am meisten beeindruckt hat ihn das Pub-Leben außerhalb touristischer Zentren, wo das halbe Dorf zusammenkommt. Hier säßen tatsächlich Bänker neben Farmern, „der Eine mit Anzug und Krawatte, der Andere mit dreckigen Gummistiefeln“. Hier wird gemeinsam gefeiert und getrunken und irgendwann wird die Musik ausgedreht und jemand wird aufgefordert, etwas zu singen. In einer dreiviertel Stunde trägt jede Person etwas vor, die will: Gedichte, Geschichten in Reimform, Gesang. In dem Pub, das auch im Buch auftaucht, hat der Autor das erste Mal in einem Pub gesungen – ein Lied irischer Rebellion.

Außerdem ist Klaus Zeh selbst Schulsozialarbeiter gewesen. Eine Statistik habe dabei sein Leben verändert. Jedes vierte Mädchen und jeder siebter Junge wird laut dieser Statistik sexuell missbraucht. Seitdem habe der Autor einen anderen Blick dafür entwickelt und sei unter anderem in drei Menschenrechtsorganisationen Mitglied geworden. In der Thematisierung des Verdachts in seinem Buch steckt für ihn auch eine Botschaft: „Jeder von uns kann solche Momente haben mit Kindern.“ In den meisten Fällen habe man nur einen Verdachtsmoment, ein Gefühl oder man hat etwas gehört. Ein zu Unrecht formulierter Verdacht könne schaden, daher gelte es behutsam vorzugehen. Wichtig sei dennoch, die Anzeichen zu erkennen und ernst zu nehmen. Dem Autor nach sei die Vorsicht auch eher zu groß, weshalb er vermutet, dass in Schulen so selten eingegriffen würde. Anzeichen von Missbrauch seien unter anderem das Einnässen, auch während dem Unterricht, aggressives Verhalten und ein Nachlassen in der Schule.

Im Buch „Blutschande“ ist ein Eingreifen von Niklas besonders heikel. Sich als 'Neuling' in eine Familiengeschichte in Irland einzumischen, stößt auf große Abwehr. Die Folgen seines Handelns tauchen in einem zukünftigen Buch von Klaus Zehs auf unerwartete Weise auf, wobei jedes Buch für sich steht und unabhängig voneinander gelesen werden kann.


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