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Heilswissenschaft :: Urban Wiesing über sein Buch

Urban Wiesing untersucht in seinem Buch "Heilswissenschaft" die Erzählungen zur Zukunft der modernen Medizin. Aus den unterschiedlichen Bereichen, vor allem aber aus dem Silicon Valley hört man von Gen-Technologie, künstlicher Intelligenz und dem ersehnten Sieg über Krankheiten. Urban Wiesing geht der Frage nach, wieso die Gesellschaft diese Versprechungen sehnsüchtig erwartet. Im Interview spricht Wiesing über Probleme in der Wissenschaft, dem Zusammenhang zwischen Religion und Wissenschaft und welche Bedeutung die Wissenschaft in der Corona Pandemie errungen hat.

Urban Wiesing erzählt, dass er in seinem Buch die Geschichten untersucht, die mit den Fortschritten der Medizin entstehen und sich entwickeln. Eine These seines Buches besagt, dass durch die Geschichten eine Ersatzreligion geschaffen werde. Aus diesem Grund sei der Titel "Heilswissenschaft" entstanden. Eine Verknüpfung der Themenfelder Wissenschaft und Religion. Dabei gibt es sowohl in der Wissenschaft, als auch in der Religion Versprechungen.

Die Wissenschaft behauptet Krankheiten wie Krebs würden bald besiegbar sein. So gesehen würde die Vorgeschichte der Menschheit mit Krankheiten bald der Vergangenheit angehören. Wiesing stellt hier den Vergleich mit der Verheißung des jüngsten Gerichts aus der Bibel an. Bei der Verheißung des jüngsten Gericht würden ähnliche Verprechen gemacht und den Menschen ein neues Zeitalter verheißen. 

Entwicklungen im Silicon Valley und der Drang nach Zukunftsvisionen bezeichnet Wiesing als zwanghaft. Es wird überall nach Fortschritt gestrebt und versucht, verlässliche Prognosen zu formulieren. Ob diese Verprechungen wirklich eintreten werden, kann nicht vorausgesagt werden. Man könne erst im Nachhinein feststellen, ob die Voraussagungen eingetreten sind. Wiesing bezeichnet solche Prognosen der Wissenschaft als unseriös. Das Vertrauen in die Wissenschaft geht aber trotzdem nicht verloren. Menschen haben Hoffnung und möchten gerne von guten Verprechungen hören, von denen neue Kraft und Hoffnung geschöpft werden kann. 

Urban Wiesing kritsiert Verknüpfungen mit dem Corona-Impfstoff. Den Impfstoff als die Erlösung zu bezeichnen findet er überzogen. Das Problem des Menschen mit Mikroorganismen wie Bakterien und Viren wird mit der Impfung nicht aus der Welt geschaffen, sondern weiterhin bestehen. 

Verknüpfungen wie diese seien ein Problem der Kommunikation und Überlieferung der Wissenschaft. Die Wissenschaft solle selbstkritischer sein. Aus diesem Grund fordert Wiesing mehr Reflexion und Hinterfragung in der Wissenschaft. 

Vor allem in der Corona Pandemie sind Wissenschaftler*innen bedeutend geworden, ihnen wurde viel Verantwortung zugesprochen, sodass sie teilweise als Stars gefeiert wurden, die eine Erlösung herbeiführen sollten. Da Wissenschaftler *innen ständig durch weitere Forschung und Ergebnisse von anderen Wissenschaftler*innen überholt werden, ist das Ziel, eine Synchronisierung von Lebens- und Weltzeit zu erreichen.

Diese Feststellung vergleicht Wiesing mit der Religon, weil dort dieses Phänomen auch präsent sei. Wissenschaftler*innen möchten Erkenntnisse erlangen, welche die Menschen voranbringen und einen großen Mehrwert für die (eigene) Lebenszeit hat. Wiesing verlgeicht das mit dem Willen der Unsterblichkeit. Wissenschaftler*innen möchten noch zu ihrer Lebenszeit einen großen Fortschritt erlangen und eine Synchronisierung der Lebenszeit mit der Weltzeit selbst erleben. 

Auffällig ist, dass Tech-Unternehmen wie Google, Facebook und Apple in die Medizin investieren. Ziel der Tech-Giganten sei das Voranbringen von Big Data und künstlicher Intelligenz. Hier besteht nach Wiesing allerdings die Gefahr der Selbstentmündigung des Menschen. Mit dem Fortschritt künstlicher Intelligenz sollte man sich die Frage stellen, wer das Sagen hat: Mensch oder Maschine? 


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