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Vortragsreihe "Polizei:Gewalt" :: Studie der Uni Bochum

Der erste Vortrag aus der Reihe "Polizei:Gewalt", veranstaltet von der Kritischen Uni Tübingen, behandelt eine kriminologische Studie der Universität Bochum. Wer wird Opfer von Polizeigewalt? Wie eskalieren Situationen hin zu Gewalt? Die Studie gibt einen Einblick.

Gemeinsam mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung hat die Gruppe "Kritische Uni Tübingen" eine neue Vortragsreihe ins Leben gerufen. Unter dem Titel "Polizei:Gewalt - Analysen und Kritiken" kommen verschiedene ExpertInnen zur Sprache, um das Phänomen von unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. ForscherInnen, PolizistInnen, PsychologInnen und AutorInnen nähern sich den Fragen nach Ausmaß, Gründen, Folgen und Mechanismen von Polizeigewalt und halten Ausschau nach Möglichkeiten, die Situation zu verbessern. 

Hannah Espin Grau, die Politik- und Rechtswissenschaft studiert hat, arbeitet am Projekt "KviaPol" des Lehrstuhls für Kriminologie an der Ruhr Uni Bochum. Das Akronym steht für "Körperverletzung im Amt durch PolizeibeamtInnen." Die Studie ist in Deutschland die erste große Erhebung von Betroffenenerfahrungen; die Wissenslage in Deutschland ist bei diesem Thema gering. 2018 wurde ein Fragebogen in Umlauf gebracht, der sich an Betroffene von Polizeigewalt wandte. Über 3000 Exemplare wurden ausgefüllt, eine Menge, aber dennoch ist die Studie nicht repräsentativ, weil sie qualitativ erstellt wurde. Grau betont die Vorzüge dieser Methode: Man habe mehr darüber wissen wollen, wie solche Situationen vonstatten gehen und nicht, in welchem Verhältnis Polizeigewalt in der Gesellschaft geschieht.  

Aus diesem Grund wird zum Beispiel gefragt, an was für Orten, in welchem Setting Polizeigewalt erlebt wurde, wie es zur Eskalation kam, ob man die Gewalt als unverhältnismäßig erlebte und ob und welche Folgen - psychisch oder physisch - nach dem Ereignis blieben. 55% der Fälle geschahen bei Demonstrationen oder anderen politischen Veranstaltungen, 25% bei Fußball oder ähnlichen Großveranstaltungen, 20% außerhalb von Großveranstaltungen. Auch nach der eigenen Soziodemografie, also Alter, Geschlecht, Ethnie, Schulabschluss, Aufenthaltsstatus etc. wurde gefragt. Die Gruppe, die polizeiliche Gewalt am häufigsten erfährt, ist männlich, ca. 30 Jahre alt und eher hochgebildet. 

Auch das Verhalten bei Anzeigen gegen die Polizei wurde untersucht. 80% hatten keine Anzeige erstattet, weil beispielsweise man keine Hoffnung auf Erfolg hatte oder der/die BeamtIn nicht erkannt wurde. Auch wird oft von einer Anzeige abgeraten, weil die Aussicht auf Erfolg sehr gering ist, das gilt vor allem für POC. Nur 9% entschieden sich für eine Anzeige. Von diesem Anteil führten allerdings 80% nicht zu einem Verfahren. 

Zu der Frage, weshalb es zu unverhältnismäßiger Behandlung gegenüber POC oder migrantisch gelesenen Menschen kommt, führen die Perspektiven auseinander. In Interviews mit PolizeibeamtInnen wird sichtbar, dass sie sich oft auf ihre unhinterfragten Erfahrungswerte verlassen und somit zum Beispiel Vorurteile gegenüber EinwohnerInnen von bestimmten Stadtteilen weiterführen. Was als gesunder Menschenverstand gedacht wird, kann zu einer diskriminierenden Handlung werden trifft auf seiten von Betroffenen auf das Bemerken von ungleicher Behandlung. Diese Diskriminierung zu erwähnen, kann dann allerdings zu einer Eskalation führen. 

Grau resümiert, dass es Polizeigewalt geben wird, solange es Polizei gibt. Ändern ließe sich zunächst nur, wie damit strafrechtlich umgegangen wird. Der gesamte Zwischenbericht ist online zu finden. Der nächste Termin der Reihe "Polizei:Gewalt" findet am 23. 2. statt und behandelt racial profiling. 


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