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NS-Akteure in Tübingen :: Das preisgekrönte Rechercheprojekt

Das Online-Nachschlagewerk "NS-Akteure in Tübingen" ist ein Rechercheprojekt der Geschichtswerkstatt Tübingen e.V. und des Lern- und Dokumentationszentrum zum Nationalsozialismus e.V. In ehrenamtlicher Arbeit haben viele AutorInnen recherchiert und stellen auf ihrer Webseite in kurzen und langen Biografien große und kleine "Rädchen" im nationalsozialistischen System vor.

Autor und Historiker Benedict von Bremen (M.A.) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Geschichtswerkstatt Tübingen, Vorstandsmitglied beim Lern- und Dokumentationszentrum zum Nationalsozialismus und auch tätig bei der Initiative Hechinger Synagoge e.V., dem Gedenkstättenverbund Gäu-Neckar-Alb e.V. und dem Träger und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen e.V. Im Interview berichtet er vom Werden des Rechercheprojekts, nationalsozialistischen AkteurInnen Tübingens und lokalen Gedenkprojekten. 

Auf der Webseite NS-akteure-in-tuebingen.de begegnen einem zuerst Schwarzweißfotos. Ein Redner mit Hakenkreuzbinde, darunter der Hinweis auf "Partei". Ein Meer aus Hitlergrüßen, darunter "Bildung & Forschung." Eine alte Aufnahme der Münzgasse 13 weist auf "Polizei, Justiz, SS." Folgt man diesen Links, gelangt man an lange Listen aus Gesichtern und Namen. Diese wiederum offenbaren Biografien voller Gewalttaten, mal in kleinerem, mal in größerem Ausmaß. 

Anstoß zum Rechercheprojekt gab das 2009 erschienene Buch "Stuttgarter NS-Täter - Vom Mitläufer bis zum Massenmörder." Auf ähnliche Weise wollte man die NS-Geschichte Tübingens aufarbeiten, denn die Stadt war, nicht zuletzt wegen der Universität, gewissermaßen eine regionale NS-Hochburg. Seit 2012 wurde von den zwei Vereinen geplant, überlegt, recherchiert. Die Absicht des Projektes: Den Tätern ein Gesicht zu geben. Nicht nur hochrangige, mächtige Täter sollten ins Licht gerückt werden; über diese waren teilweise auch bereits Forschungen veröffentlicht. Das Projekt wollte auch die kleineren "Rädchen" abbilden, die sich in der "Mitte der Gesellschaft" befanden, da diese den Nationalsozialismus bedeutend mittrugen. 

Die Stadt Tübingen, so von Bremen, beheimatete unzählige überzeugte Nationalsozialisten und Mitläufer. Der Einfluss der Universität auf die Stadt war schon lange prägend, das träfe auch auf die Gleichschaltung zu: Die Uni, die schon lange nationalistisch eingestellt war, habe sich selbst gleichgeschaltet. Als die NSDAP gewann, wurde nicht nur die Neue Aula, sondern auch das Rathaus mit Hakenkreuzflaggen behangen. Vollzogen wurde das durch die rechten Studenten. Die Lehrenden waren fast alle NSDAP-Mitglieder. 

Der Professor der Philosophie Theodor Haering war mit seinem heimatromantischen, nationalsozialistischen Buch geistiger Vorbereiter. Karl Adam, nach dem lange Zeit eine Straße benannt war, wollte Katholizismus und Nationalsozialismus in Einklang bringen. Sophie Ehrhardt führte als Zoologin "Rassenforschungen" durch und erstellte eine Kartei über Sinti und Roma, wodurch deren Vernichtung vorangetrieben wurde. Sie erfuhr nach den Krieg kein Urteil und wurde sogar 1957 zur Professorin ernannt. Theodor Dannecker war einer von jenen Seilschaften, die sich aus Tübingen kannten, sich gegenseitig bei der Karriere halfen und später als Kriegsverbrecher berüchtigt waren. Dannecker, in der Bursagasse geboren, wurde später in Berlin Adolf Eichmanns "Judenberater" und war maßgeblich an der Deportierung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden in Europa beteiligt. 

Biografien, Fotos, Artikel und Begriffe finden sich auf der Webseite des Rechercheprojekts, das im Januar diesen Jahres den Lilli-Zapf-Jugendpreis erhielt. Der Preis ist für Projekte junger Leute ausgesetzt, die sich für die Erinnerungskultur engagieren. Das Projekt befindet sich weiterhin im Schaffensprozess; AutorInnen sind willkommen, mitzumachen. 


Audio

Download (70,86 MB)
NSInterview_LANG.mp3


Download (20,59 MB)
NSInterviewKURZ.mp3





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