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Verbrechen gegen die Menschlichkeit :: Die Hechinger Prozesse um NS-Verbrechen

Die Prozesse um die NS-Täter Paul Schraermeyer und Josef Kronenbitter sind Teil der regionalen NS-Vergangenheit. Die zwei Fälle, die einiges gemeinsam haben, sind seit weniger Zeit Subjekt wissenschaftlicher Aufarbeitung.

Dr. Andreas Zekorn, Geschichtswissenschaftler und Autor, vergleicht die Prozesse von 1947 an miteinander in einem Vortrag der Initiative Hechinger Synagoge e.V. und des Hohenzollerischen Geschichtsvereins e.V.

Die Geschichte der beiden Gerichtsprozesse spielt sich vor allem in Hechingen und Tübingen ab. Kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs 1945 ist die Region unter französischer Besatzung. Einige Prozesse gegen militärische Vertreter des gefallenen NS-Regimes hat es bereits gegeben; der Prozess gegen Paul Schraermeyer sollte der erste gegen ein Mitglied der Zivilbevölkerung sein.

Die alliierten Besatzungsmächte erstellen eine Reihe von Gesetzen, die es möglich machen, in Deutschland deutsche Verbrechen zu richten. Das deutsche Strafgesetz reicht nicht aus, um die außergewöhnlichen Verbrechen der NS-Zeit angemessen verurteilen zu können. Mit dem Kontrollratsgesetz Nr 10 geht man gerichtlich gegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor, ein damals neues Konzept. In den Jahren nach dem Krieg sind trotz der Bemühungen um Entnazifizierung noch einige deutsche Richter im Amt, deren Status als "Entlastet" zweifelhaft bleibt. Die Anwendung des Kontrollratsgesetzes ist eigentlich verpflichtend, dennoch kommt es zu Urteilen, die es missachten.

Paul Schraermeyer war während der gesamten Zeit des NS-Regimes Landrat im Landkreis Hechingen. Er war Katholik, Anhänger der Zentrums-Partei und galt als Judenfreund und leiser Gegner der NSDAP. Dennoch trat er der Partei bei, wurde rausgeschmissen, dann wieder aufgenommen. Wegen dieser Ambivalenz wurde er im Entnazifizierungsverfahren als entlastet eingestuft. Doch in seiner Amtszeit war er dabei behilflich, ca. 230 Hohenzoller Jüdinnen und Juden zu deportieren. Nur acht von ihnen überlebten den Krieg.

Josef Kronenbitter ist in seiner Haltung zum NS-Regime leichter einzuordnen. Er war Geschäftsführer der NSDAP in Haigerloch, Mitglied des Volkssturms und der SA und war wegen seiner Grausamkeit verhasst in seinem Ort. Nach dem gescheiterten Attentat Georg Elsers auf Hitler ließen Kronenbitter und weitere Mittäter ihre Wut an Bewohnern aus: 38 Juden wurden verhaftet, eingesperrt und manche von ihnen später im Gefängnis verprügelt. Man zwang sie zu erniedrigenden Arbeiten, auch am Sabbat, und erpresste "Haftkostenvorschuss" von ihnen. Schraermeyer erfuhr von diesen irregulären Ausschreitungen und zeigte die Täter an, jedoch war der leitende Ermittler einer der Täter.

Beide Fälle der Verbrechen gegen die Menschlichkeit landeten zunächst vor dem Hechinger Landesgericht und dem Richter Dr. Alexander von Normann. Dieser hielt sich an das Kontrollratsgesetz und verurteilte die Männer wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit (Kronenbitter) bzw. Beihilfe dazu (Schraermeyer) zu Haftstrafen von wenigen Jahren. Beide Fälle wurden jedoch kurze Zeit später vom Tübinger Oberlandesgericht zur Revision erneut aufgerollt und in beiden Fällen wurden die Strafen drastisch gemildert; Schraermeyer wurde sogar freigesprochen. Unter dem Vorsitz von Dr. Emil Niethammer erklärten die Richter, um eine Tat als Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzustufen, müsse man sich der menschenverachtenden Gesinnung der Täter sicher sein. Diese sei in beiden Fällen nicht nachweisbar, denn nicht nur der objektive Tatbestand solle für das Urteil ausschlaggebend sein.

Indem die Tübinger Richter das Kontrollratsgesetz sehr eigensinnig auslegten, wurden die Taten in ihrer Bedeutung abgeschwächt. Das Alliiertengesetz wurde umgangen, die Täter als vergleichsweise "kleine Fische" dargestellt, die es nicht so gemeint hatten. Schraermeyer und Kronenbitter konnten in den Ruhestand gehen. Viele Deutsche begrüßten die milden Urteile, die französische Besatzung jedoch sorgte sich um ihren Ruf. Die zurückgekehrte Haigerlocher Jüdin Selma Weil, die Kronenbitter angezeigt hatte, verließ den Ort wieder.

Weiter Informationen zu den Prozessen gibt es in diesen Links.


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