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Schwarz-weiß-rot und Schwarz-rot-gold :: Tübingens deutsche Vergangenheit

Michael Kuckenburg, ein pensionierter Lehrer, erzählt zum 150. Jahrestag der Gründung des Deutschen Reichs vom Zustandekommen des Kaiserreichs und der Demokratie, vom Verhältnis der Tübinger zum Kaiser und eigenen Verwicklungen mit der Kriegsvergangenheit.

Michael Kuckenburg hat bereits im Jahr 2019 in der Wüsten Welle von der Vergangenheit erzählt: Damals ging es um die Bereitschaftpolizei Göppingen, bei der er in den späten 60er Jahren wenige Monate war. Die Ausbilder hatten eine Vergangenheit mit dem NS-Regime, dies hat er durch seine Recherche offengelegt.

Im aktuellen Interview spricht Kuckenburg vor allem über die Geschichte des deutschen Reichs. Er zitiert August Bebel, der sagte, dieses Reich sei mit dem Säbel gegründet worden und beschreibt, welch große Rolle die Militärs darin gespielt haben. Anders als es 1848 gefordert worden war, unter der schwarz-rot-goldenen Flagge eine gesamtdeutsche Demokratie aufzubauen, wurde 1871 das Land zwar geeint, jedoch unter Ausschluss des Volkes. Weder Frauen noch Männer der Zivilbevölkerung hatten Teil daran. Wahlrecht gibt es nur für Männer ab 25 Jahren.

Kuckenburg beschreibt, welche Bedeutungen die Farben der verschiedenen deutschen Zusammenschlüsse haben: schwarzweiß war die Flagge Preußens, rotweiß waren die Handelsstädte. Aus einer Mischung dieser Farben wurde das schwarz-weiß-rot des Kaiserreichs; eine Flagge, die man heutzutage oft sogenannte Reichsbürger schwenken sieht. Schwarz-rot-gold hingegen bildet die Gegenseite, die revolutionäre, demokratische. Der Zwist zwischen diesen Fahnen bilde auch einen inhaltlichen Streit um die Struktur Deutschlands ab, meint Kuckenburg. Dass die Fahne des deutschen Reiches heute wieder geschwenkt wird, kritisiert er als antidemokratische Bewegung, die von den politischen Hintergründen der Farben nichts wisse.

Die Akademiker, auch in Tübingen, waren stolz auf das deutsch-national geprägte Reich, die Gogen hingegen waren weniger begeistert. In Tübingen gab es nach dem ersten Weltkrieg übergangsweise einen soldatischen Räterat und auch einen Bürgerrat, bis die Weimarer Republik kam.

Im Jahr 1919 feiert die Stadt Tübingen die neue Verfassung. Die kaisertreue Universität nimmt nicht teil, sondern begeht 1921 stattdessen eine eigene Feier zum 50. Jahrestag der Gründung des Kaiserreiches. Die Szenen der Feier, die Kuckenburg beschreibt, sind düster. Der Festsaal des heutigen Kino Museum ist mit schwarzweiß roten Flaggen geschmückt, eine Bismarck-Büste wird präsentiert und der Asta Vorsitzende Paul Haas spricht davon, den "jüdischen Geist" in den Deutschen auszutreiben.

Eine Anekdote, die zeigt, wie weit verbreitet Antisemitismus schon lange Zeit vor dem Holocaust war. Kuckenburg meint, sie zeige auch, wie schnell sich die Universität den Nazis in den folgenden Jahren angepasst hat. Er beschäftigt sich schon lange mit den Nationalsozialisten und der Frage, welche Entwicklungen ihre Machtergreifung begünstigt hat.

Als Geschichtslehrer weiß Kuckenburg, wie schwierig es ist, in der Bildung Maßnahmen zu ergreifen, um die NS-Vergangenheit angemessen darzustellen. Kuckenburgs Familiengeschichte ist vom Krieg und Nationalsozialismus geprägt, dennoch hat er sich erst spät für deren Vergangenheit interessiert. Doch es ist nie zu spät für Aufklärung oder dafür, sich für den Erhalt der Demokratie einzusetzen.  

Michael Kuckenburg hat zusammen mit seinem Sohn Jakob eine Internetpräsentation zu diesem Thema erstellt.


Audio

Kuckenburg kurz

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