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37. Französische Filmtage :: Filmrezension Filles de joie

Drei Frauen, drei Geschichten. Vereint durch das Leben in zwei Welten, kreuzen sich ihre Wege auf einem Parkplatz an der französisch-belgischen Grenze. Axelle, Dominique und Conso fahren vor dort aus jeden Morgen nach Belgien, um sich dort zu prostituieren. Im Gegensatz zu Frankreich, ist in Belgien Prostiution legal. Obwohl die Frauen unterschiedlicher nicht sein könnten, verbindet sie ihr gemeinsames Schicksal, das mühsame Doppelleben und eine innige Freundschaft.

Das Auto, stellt eine zentrale Rolle im Film dar. Es ist der Treffpunkt der drei Frauen, an dem sich ihre Lebenswelten kreuzen. Dieser Kreuzungspunkt öffnet, wie im Straßenverkehr, neue Richtungen und Wege, die Informationen preisgeben. Einerseits gibt es da den gemeinsamen Weg in den Job, um sich und die Familie über Wasser zu halten. Andererseits werden die individuellen Geschichten der Frauen sichtbar gemacht. Es scheint fast so, als wäre das Auto eine Zeitmaschine in die man einsteigt und schwubs - wird man wieder in einen neuen Blickwinkel eingeschleust, je nach dem welche der drei Frauen gerade die "Erzählperspektive" einnimmt. So wird es dem Publikum möglich gemacht, das Szenario von allen Seiten wahrzunehmen. Es gibt also nicht nur eine Hauptdarstellerin die im Fokus steht. Axelle, Dominique und Conso teilen sich das Rampenlicht und tragen gleichermaßen zum Stroytelling bei.

Trotz der emotional belastenden Themen von Prostitution, Gewalt, Lügen und Missbrauch, findet der Film immer wieder Momente von Leichtigkeit und Humor. Das Bordell sieht, wenn nicht gerade in gedämmtem Licht gearbeitet wird, aus wie eine gemütliche Mädels-WG. Es wird gelacht und erzählt. Die Frauen unterstützen sich, bis auf ein paar Zickereien, gegenseitig und es ist keine Rivalität zu spüren.

Dennoch ist Gewalt im Film unumgänglich. Die Sprache als Form von Gewalt ist mindestens genauso verletzend wie die körperliche Gewalt. Das Wort "Pute", bekommt man im Film sehr oft zu hören. Je nach dem wer es sagt und in welchem Kontext es genutzt wird, ändert sich auch die Bedeutung des Wortes. Aus dem Mund eines Freiers, wird das Wort zu einem erniedrigenden Ausdruck. Es wird zum Titel der Frau, der sie als minderwertig einstuft und sie als Objekt entmenschlicht. Dieser verbale und emotionale Missbrauch wird im Film sehr deutlich. Dennoch kann man beobachten, das Schimpfworte, die einen Menschen erniedrigen sollen, von den Frauen untereinander als Form von Ermutigung und Berstärkung genutzt wird. Der Spieß wird umgedreht, indem man das Wort mit negativem Inhalt ins positive wandelt.

Der Film "Filles de joie" ist ein fiktives Drama. Er zeigt die gnadelose Realität vieler Frauen (und teilweise auch von Männern), die, um zu überleben, ihren Körper verkaufen. Viele Szenen im Film sind in Dunkelheit gehüllt und erzeugen ein Gefühl von Unsicherheit, Kälte und Unbehagen. Trotzdem schaffen es die Regisseur*Innen Anne Paulicevich und Frédéric Fonteyne ein hoffnungsvolles Bild zu malen, geprägt von Zusammenhalt und Stärke.

"Filles de joie" von Anne Paulicevich und Frédéric Fonteyne lief bei den 37. Französischen Filmtagen in Tübingen.


Audio

Der Radiobeitrag zum Nachhören

Download (4,22 MB)
Filles_de_Joie_Filmrezension_Abmischung.mp3





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