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Michael Lucke vom Kreisseniorenrat :: Diskussion auf Augenhöhe und Selbstbestimmung

Über 16,7% der Einwohner*innen im Landkreis Tübingen sind über 65 Jahre alt, und die Anzahl der Senior*innen steigt in Deutschland. In Tübingen setzt sich der Kreisseniorenrat gezielt ein für die Bedürfnisse älterer Menschen. Der Vorsitzender Michael Lucke erzählte im Interview über die Aufgaben des Vereins, über Altersdiskriminierung und über die Probleme des jetzigen Pflegeheimsystems.

Der Kreisseniorenrat Tübingen ist eine Dachorganisation für alle Vereine, die sich mit alten Menschen beschäftigen. Clubs für Senior*innen stammen schon aus der Nachkriegszeit, als Freizeitaktivitäten für Kriegerwitwen geplant wurden. Heutzutage wurden aber die Aufgaben der Seniorenräte von reiner Freizeitgestaltung auf alle Lebensbereiche erweitert: Besonders die Pflege, das Wohnen und insgesamt ein gutes Leben stehen im Vordergrund. Es wird zum Beispiel Wohnberatung angeboten, über soziale Aktivitäten informiert und durch Lobbyarbeit die Seniorenrechte unterstützt.

Fast 17% der Einwohner*innen im Landkreis Tübingen sind über 65 Jahre alt, und im ganzen Land gibt es heutzutage mehr Senior*innen als Jugendliche unter 18. Selbstverständlich sind sie keine homogene Gruppe, sondern unterschiedlich pflegebedürftig und haben vielfältige Interessen. Viele kommen mit Internet und sozialen Medien zurecht, sind sozial aktiv oder brauchen überhaupt keine Pflege. Der Übergang vom Arbeitsleben in den Ruhestand ist ein großer, für viele sogar schockierender Schritt und wird vom Kreisseniorenrat auch begleitet. Wichtig sei, zu erkennen, dass alle Menschen Potenziale haben, auch z.B für Alter angepasste, bezahlte Jobs oder für ein Ehrenamt. Dazu sollte es laut des Vorsitzenden, Michael Lucke, ein größeres themenspezifisches, altersneutrales Angebot geben, mit Aktivitäten für jede*n.

Besonders während der Corona-Krise wurde die Altersdiskriminierung noch sichtbarer, da alte Menschen plötzlich zur Risikogruppe wurden, die es zu schützen galt. Sie wurden in ihrem Zuhause oder im Pflegeheim isoliert und konnten nicht an Seniorenkreisen, Ehrenämtern oder am Enkeldienst teilnehmen; sogar Einkaufen und sozialer Umgang wurde ihnen verboten. Diese Isolation verursachte bei vielen starke Einsamkeit und das Gefühl, für die Gesellschaft nutzlos zu sein. Michael Lucke betont, dass die Selbstbestimmung der alten Menschen besonders wichtig ist. Es solle mit Alten geredet werden, nicht über die Alten. Deswegen wird zur Zeit eine Online-Plattform für Senior*innen geplant, um Informationen zu verbreiten und durch die Diskussionsmöglichkeit, allen eine Stimme zu geben.

Einen großen Kritikpunkt sieht Michael Lucke im Wohnen und im Pflegesystem. Es gibt einen hohen Bedarf für seniorengerechte Wohnungen, die kleiner und barrierefrei sind. Die Pflegeheime sind für ihn fast „moderne Hospize“: sie locken nicht zum Wohnen und sind außerordentlich teuer, in Tübingen sogar 3200 Euro monatlich. Wegen der Altersarmut ist dies ein enormes Problem und das Wohnen in Pflegeheimen verursacht Gegenstimmen und Ablehnung. Unter anderem Gemeinschaftswohnungen dienen als Ersatz für Pflegeheime und als eine Lösung für Einsamkeit, dabei gibt es mittlerweile einige Initiativen in Tübingen. Lucke wünscht sich besonders Wohngemeinschaften mit Pflege oder Einzelwohnungen im eigenen Wohnort in der Nähe von Bekannten. In kleinen Einrichtungen fühlt man sich während der Pandemie nicht isoliert, da auch Besucher*innen erlaubt werden können. Beim Kreisseniorenrat kann man für Beratung anrufen, Michael Lucke ist auch selbst zuständig für persönliche Telefongespräche.


Audio

Das Interview in der Kurzform

Download (23,02 MB)
Kreisseniorenrat_kurz.mp3


Das ganze Interview zum Nachhören

Download (72,83 MB)
Kreisseniorenrat_lang.mp3





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