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Führung auf dem Jüdischen Friedhof Wankheim :: Vorurteile abbauen im Haus der Ewigkeit

Am Sonntag, 06.09.20, fand der Europäische Tag der Jüdischen Kultur statt. In dessen Rahmen wurde auf dem alten Jüdischen Friedhof in Wankheim eine öffentliche Führung und Vortrag zur jüdischen Geschichte und Kultur organisiert. Das Ziel ist, den Menschen die lokale jüdische Geschichte ein bisschen näher zu bringen. Martin Ulmer erzählte den Zuhörer*innen von den ersten Juden in Wankheim und Tübingen, von einzelnen Lebensschicksalen und von der jüdischen Bestattungskultur.

Am ersten Septembersonntag bin ich mit dem Fahrrad entlang eines fast vergessenen Asphaltwegs neben der B28 Richtung Wankheim gefahren. Der Wind weht, die Bundesstraße summt. Hinter der Kurve am Waldrand befindet sich ein alter, eingezäunter Friedhof in voller Ruhe und natürlicher Stimmung. Die Steine sind grau und die Inschriften schon ziemlich verwittert.

Der alte Jüdische Friedhof in Wankheim ist aus dem 18. Jahrhundert. Hier wird im Rahmen des Europäischen Tages der Jüdischen Kultur der Historiker und Kulturwissenschaftler Martin Ulmer über die örtliche Geschichte des Judentums erzählen. Die öffentliche Führung wird von der Geschichtswerkstatt Tübingen und dem Förderverein für jüdische Kultur Tübingen organisiert. Es sind 40-50 Teilnehmer*innen da, um mehr über die jüdische Geschichte und Kultur zu erfahren.

Die lokale Geschichte des Judentums ist breit. Es fängt von 1774 an, als die ersten Juden in Wankheim siedelten, eine jüdische Gemeinde gegründet und eine Synagoge gebaut haben. Nach Tübingen durften sie erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts, nachdem die vollen Bürgerrechte erstritten wurden. Auch wurde es ihnen erst dann erlaubt, alle Gewerbe auszuüben. In Tübingen war die Gemeinde relativ klein, mit hundert Mitgliedern nur 0,6-0,7% der Bevölkerung. Doch war die Gemeinde aktiv und es gab auch eine Synagoge in Tübingen in der Gartenstraße 33. Der wachsende Antisemitismus bedrohte aber die Tübinger Juden, und viele sind ausgereist oder auch deportiert worden.

Der Vortrag ist sehr vielseitig und informativ, es könnte ein kleines Buch geschrieben werden, um das ganze Wissen hineinpacken zu können. Ich habe viel über die lokale jüdische Geschichte erfahren, zudem auch einzelne Biografien der Menschen und die jüdische Bestattungskultur kennengelernt. Bei der Bestattungskultur hat mich fasziniert, dass die jüdischen Friedhöfe oft am Waldrand liegen und poetisch „Häuser der Ewigkeit“ genannt werden. Es heißt, dass die Gräber nicht aufgelöst werden. Auf mehreren Grabsteinen steht auf Hebräisch: „Seine Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens“.

Ich habe auch konkreter verstanden, wie lange die Diskriminierung der jüdischen Einwohner*innen schon existiert. Auch während des Vortrags habe ich berührende Lebensschicksale kennengelernt. Auch heutzutage darf nie aufgehört werden, die Geschichte aufzuarbeiten, da es sich wiederholen könnte. Überall in Europa wächst wieder der Antisemitismus und die Angst vor „Fremden“. Martin Ulmer findet die Begegnungen mit jüdischer Kultur und jüdisch gläubigen Menschen am wichtigsten, um sich der eigenen Vorurteile bewusst zu werden. Nach ihm ist die Kenntnis vom Judentum das beste Mittel, die Diskriminierung abzubauen. Dieser Gedanke passt eigentlich zur Beseitigung von jeder Art von Fremdenangst. Dafür kann ich einen Spaziergang auf dem alten jüdischen Friedhof und den Vortrag nur empfehlen.

Größere öffentliche Führungen auf dem alten Friedhof werden jährlich organisiert, kleinere monatlich von dem Förderverein für die jüdische Kultur Tübingen. Die Geschichtswerkstatt Tübingen plant auch eine Veranstaltungsreihe zum 9. November über Verschwörungstheorien. Mehr Informationen gibt es auf der Internetseite der Geschichtswerkstatt.


Audio

Der Radiobeitrag zum Nachhören

Download (14,5 MB)
Beitrag_zum_juedischen_Friedhof.mp3



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