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CineLatino 20202 :: Compañia

"Compañia" ist dieses Jahr Teil des CineLatino-Filmfestivals. Hier gibt es die Rezension dazu.

"Compañia" ist ein Dokumentarfilm aus Bolivien aus dem Jahr 2019, vom Regisseur Miguel Hilari. Er ist Teil des CineLatino Film Festivals, welches gerade in Tübingen stattfindet. Das folgende ist die Beschreibung des Films vom CineLatino:

"Eine fantastische Beobachtung einer bolivianischen Gemeinschaft, die aus der Stadt in ein Bergdorf zurückkehrt, um nach traditioneller Art die Toten zu ehren. Ein Nachdenken über die Lage der Ureinwohner*innen, die sich an eine Welt anpassen müssen, die nicht die ihre ist."

Und es ist gut, dass es eine vorgegebene Beschreibung gibt. Aus dem Film selbst wäre das nämlich kaum zu verstehen. Ein einzelner Satz erwähnt den Tod eines Vaters. Ansonsten wird nahezu ausschließlich mit Bildsprache kommuniziert. Das ist ansich noch nichts schlechtes, wenn die Bildsprache aber keine Aussage hat, und noch nicht einmal einen Kontext, ist es schwierig, irgendein Leitmotiv herauszuarbeiten. Wer sind diese Personen? Wer ist der Verstorbene? In wiefern müssen sie sich an eine andere Welt anpassen? Diese Fragen habe ich mir in den rund 60 Minuten des Films gestellt, und mir wurde keine dieser Fragen beantwortet.

Die Bilder tragen den Film, das visuelle sollte meiner Meinung nach aber in Zusammenarbeit mit der Narrative stehen, und nicht als Ersatz für eine Erzählung. Es ist vollkommen legitim, wenn ein Film eher auf visueller Geschichtenerzählung basiert, wenn man aber nicht versteht, was diese Bilder zu sagen haben, und auch nach stundenlanger Reflexion auf keine Interpretation kommt, verfehlen die Grafiken ihre Aufgabe. So schön die bolivianischen Highlands auch anzuschauen sind, alleine können sie leider keine Geschichte erzählen. Stattdessen war ich eher gelangweilt, und hätte ich nicht diese Rezension schreiben müssen, hätte ich den Film ab der 20 Minuten Marke nicht mehr weiter geschaut. Und das ist eigentlich schade, manche Szenen und Bilder sind nämlich tatsächlich auch ohne Kontext, ohne eine Stimme aus dem off, welche einem jede kleinste Bedeutung ins Ohr flüstert, sehr aussagekräftig. Beim Gottesdienst am Ende des Films habe ich Gänsehaut am ganzen Körper bekommen, weil ich hier verstanden habe, was das gezeigte bedeutet, ohne eine einzige Person im Kirchenzelt zu kennen. Diese Momente sind aber leider eine Seltenheit.

Der Regisseur wollte in meinen Augen mehr aus einer Geschichte herausholen, als diese dargeboten hatte. Ein Kurzfilm von 15 bis maximal 30 Minuten Länge wäre um einiges fokussierter, und so hätte ich es besser als abstrakte Darstellung einer Familiengeschichte akzeptieren können. Wäre man in die andere Richtung gegangen, hätte sich mehr Zeit genommen, um die Ereignisse zu erklären und zu beschreiben, hätten die langen Aufnahmen von Landschaften oder Menschen vor ihren Häusern auch besser gepasst, weil man verstanden hätte, wer diese Person ist, die man gerade sieht. Man könnte die Menschen verstehen, auch wenn sie regungslos dastehen und kein Wort sagen, man könnte besser den Kampf nachvollziehen, welcher sich anscheinend gerade in deren Inneren abspielt. In der jetztigen Form ist der Dokumentarfilm aber leider einfach langweilig. Das könnte auch an der Kulturbarriere liegen. Schließlich weiß ich relativ wenig über die bolivianische Kultur und deren Bräuche, genauso wie es wohl die meisten deutschen tun. In der Heimat könnte der Film also eine gänzlich andere Bedeutung haben als bei uns. Für einen Deutschen mit wenig bis gar keinem Kontakt zur lateinamerikanischen Kultur hat der Film leider keine Aussage, ist zäh und öde, und hat kaum Mehrwert. Eigentlich schade, die Landschaftsaufnahmen sind nämlich wunderschön.


Audio

Rezension als Radiobeitrag

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Rezension_Compania_fertig.mp3





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