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Corona, Diskriminierung und der prekäre Arbeitsmarkt

Über eine unsichtbare Arbeitswelt die Corona sichtbar macht.

Am 6. Juli 2020 erfuhr ich im Saal des franz.k viel über den prekären Arbeitsmarkt. Zum Beispiel, dass mein Beschäftigungsverhältnis in einer Fast-Food-Kette prekär war. Es gab befristete Verträge schnelle Wechsel von Nacht- zur Frühschicht, der Mindestlohn reichte für Miete, Essen und die Fahrkarte. Kamen größere Ausgaben auf mich zu, wie etwa die GEZ oder die Rechnung von Zahnarzt, war das Geld in der Mitte des Monats weg.

Ich bin nicht allein, erfuhr ich durch die Teilnehmer*innen der Podiumsdiskussion. Und ich war vergleichsweise gut dran, denn ich bekam immerhin Geld. Tülay Güner ( Beratungsstelle mira/Faire Integration ) berichtete von Unternehmen, die die Mitarbeiter gar nicht bezahlten, oder, nach geleisteter Arbeit, unter vorgeschobenen Gründen kündigten. „Wenn ich kein Gewissen und keine Prinzipien habe, warum soll ich das nicht versuchen? Als Unternehmer?“, fragte Tülay rhetorisch. Sie kontaktiert die säumigen Unternehmen, was sehr oft zur Zahlung der ausstehenden Löhne führt. Viele der Mitarbeiter, die in ihre Beratungsstelle kommen, können kein Deutsch und trauen sich entweder nicht, oder wissen nicht wie sie sich wehren können.

„Diese Zustände sind bereits vorhanden“, sagte Peter Birke, von der Uni Göttingen, „durch Corona werden sie nun sichtbar.“ Er erzählt von Amazon, die ein hohes Arbeitstempo verlangen, und durch ein beinahe zeitgleiches Feedback-System eine weitere Leistungssteigerung erreichen wollen. Von der Fleischindustrie, in der sehr ähnliche Bedingungen herrschen. In diesen Unternehmen ist die Mund-Nasen-Bedeckung Pflicht. Aber wie ist das hohe Arbeitstempo zu halten, wenn die Mitarbeiter*innen ständig ihr eigenes Kohlendioxid einatmen? Gar nicht. Also nehmen die Arbeiter*innen den Schutz vom Gesicht.

„Also sind sie doch selbst Schuld, wenn sie sich anstecken, oder?“

Peter Birke bezeichnet solche Aussagen als Corona-spezifischen Rassismus.

 


Audio

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Letzte_Absmischung_Corona_Diskriminierung_und_derprekaere_Arbeitsmarkt.mp3





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