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17. Filmfest Frauenwelten - Terre des Femmes

Vom 22. - 29. November 2017 findet das 17. Terre des Femmes Filmfest Frauenwelten in Tübingen statt. Der Schwerpunkt liegt dieses Jahr auf den Themen "sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe" und "Widerstand gegen religiösen Fanatismus". Filmfestleiterin Kathrin und Koordinatorin Anna geben Einblicke in das Programm.

Das Filmfest Frauenwelten wurde anlässlich des internationalen Tags "Nein, zu Gewalt an Frauen" am 25. November 2001 von der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes ins Leben gerufen. Terre des Femmes kämpft für Menschenrechte für Frauen und setzt sich besonders in den Bereichen häusliche und sexualisierte Gewalt, Genitalverstümmelung, Ehrenmord, Zwangsheirat und Prostitution ein.

Am 22. November 2017 startet das Terre des Femmes Filmfest Frauenwelten zum 17. Mal. Die Themenschwerpunkte sind dieses Jahr "sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe" und "Widerstand gegen religiösen Fanatismus". Seit diesem Jahr ist Kathrin Frenz Leiterin des Filmfests. Irene Jung, Gründerin und ehemalige Leiterin des Filmfests hat nun das Zepter an sie übergeben. Irene ist jedoch noch immer als Finanzmanagerin aktiv. Anna Bausch machte zunächst ein Praktikum beim Filmfest Frauenwelten, arbeitete danach als Honorarkraft weiter und übernahm dieses Jahr auf Kathrins Anfrage hin die Filmfestkoordination - sie ist sozusagen Ansprechpartnerin für alle(s).

Kathrin und Anna sind für die Filmauswahl verantwortlich. Den ganzen Sommer lang haben sie über 200 Filme geschaut. Sie besuchten Filmfestivals, wie die Berlinale oder das Filmfest München und betrieben viel Filmrecherche. Die Filme mussten zum Thema Menschenrechte für Frauen passen und durften den finanziellen Rahmen nicht sprengen. Da sie Frauen aus aller Welt zeigen sollen, kommen die 33 Filme im Programm aus 30 verschiedenen Ländern. Kathrin und Anna war es außerdem wichtig, dass die Filme trotz der schweren Themen humorvoll sind und den Zuschauer positiv gestimmt aus dem Kinosaal gehen lassen.

Die Resonanz ist sehr gut, erzählen Anna und Kathrin. Trotz, oder gerade wegen der schweren Themen stößt das Filmfest in Tübingen auf großes Interesse - vor allem bei Frauen. Das Publikum sei politisch sehr interessiert und komme oft mit Vorwissen über die Themen zu den jeweiligen Filmvorstellungen. Anna und Kathrin versuchen verstärkt das junge Publikum, also StudentInnen zu erreichen. Dazu kooperiern sie zum Beispiel mit dem studentischen Verein Querfeldein, der kulturelle Angebote an StudentInnen vermittelt und mit der Amnesty-Hochschulgruppe Tübingen.

17 Gäste kommen dieses Jahr zum Filmfest; darunter Filmemacherinnen, Schauspielerinnen, Protagonistinnen, Expertinnen und Betroffene. Für die FilmemacherInnen ist das Festival eine gute Platform, um sich zu verknüpfen und auszutauschen. Anna und Kathrin erzählen, dass die Gäste oft nächtelange Gespräche in der Festivallobby führen. Im besten Fall entstehen gemeinsame Projekte und Kooperationen.

Die Regisseurin Sabiha Sumar gehört zu den Gästen des Fimfests; gleich zwei ihrer Filme werden gezeigt. Mit ihrem Film Silent Waters aus dem Jahr 2003 war sie die erste pakistanische Regisseurin. Silent Waters handelt von der Zeit 30 Jahre nach der Trennung von Pakistan und Indien. Für den Film gewann sie 17 Filmpreise, unter anderem den goldenen Leoparden in Locarno. Bei der Filmvorstellung am Sonntag, den 26. November um 20:30 Uhr im Kino Museum wird sie dabei sein. Mit Azmaish - A Journey Through the Subcontinent läuft ein aktuellerer Film von Sabiha Sumar bei dem Filmfest. Darin durchreist sie Indien und Pakistan 70 Jahre nach der Unabhängigkeit und spricht mit den Menschen über das Leben und den Extremismus in den beiden Ländern.

Ein weiterer wichtiger Gast ist Rakiéta Poyga aus Burkina Faso. Sie wird beim Publikumsgespräch zu dem Film "Jaha's Promise", der das Thema Genitalverstümmelung behandelt, anwesend sein. Sie selber wurde nach der Geburt beschnitten und starb bei der Geburt ihrer ersten Tochter beinahe an den Folgen. 1998 gründete sie die Organisation "Association Bangr Nooma" ("Es gibt nichts Besseres als Wissen"). Es bringt nur etwas, wenn man in die Dörfer geht und die Menschen aufklärt, sagt sie. Ihr großer Erfolg ist das Verbot der Genitalverstümmelung in Gambia seit 2015.

Die Frauen werden in den Filmen nicht als Opfer dargestellt, sondern als Frauen, die über ihrem Erlebten stehen und die etwas schaffen und verändern. Dazu gehört auch "City of Joy". Der Dokumentarfilm spielt im Kongo, wo sexualisierte Gewalt schon lange Alltag ist. Die Einrichtung City of Joy ist für Frauen, die Gewalt erlebt haben. Dort werden sie medizinisch, rechtlich und psychologisch beraten und betreut, damit sie als selbstbewusste und charismatische Frauen in ihre Dörfer zurückkehren können. Ara Stielau setzte sich in Westafrika lange Zeit für die Umsetzung von Frauenrechten und die Entwicklungszusammenarbeit ein. Sie wird am 28. November um 15:30 Uhr im Studio Museum am Publikumsgespräch über "City of Joy" teilnehmen.

Zu dem Film "The Poetess" findet ein Podiumsgespräch mit der Psychologin Collin Schubert, die seit fast 20 Jahren bei Terre des Femmes im Bereich Frauenrechte in Islamischen Gesellschaften aktiv ist, statt. "The Poetess" handelt von einer saudi-arabischen Frau, die in "Millions Poet", der bekanntesten arabischen Castingshow, mitgemacht hat. Als Hausfrau und vierfache Mutter stand sie nie auf einer Bühne. Ihre Intention war es, den saudi-arabischen Frauen eine Stimme zu geben. Sie kam als erste Frau in dem sehr männerdominierten Wettbewerb bis in die finalen Runden. Sie trat mit Gedichten auf, die sich gegen den Terror der Geistlichen in Saudi-Arabien richten - eine nicht unriskante Thematik.

Seit diesem Jahr ist es den saudi-arabischen Mädchen erlaubt, am Sportunterricht teilzunehmen und auch mit "No woman no drive" soll nun Schluss sein; im kommenden Jahr dürfen Frauen in Saudi-Arabien (unter bestimmten Voraussetzungen) Autofahren. In Sachen Frauenrechte gibt es dort also positive Tendenzen. Anna würde die Entwicklung der Menschenrechte für Frauen jedoch eher als Wellenbewegung beschreiben. "Es kommt immer auf die Länder, Orte und Kultur an." Die einen bekommen Rechte, den anderen werden sie genommen.

The Women's Balcony spielt in Israel in einer kleinen, liberalen jüdischen Gemeide. Als der Frauenbalkon einer Synagoge einstürzt, wird die Gemeinde erschüttert. Ein charismatischer Rabbi will den Wiederaufbau finanziell unterstützen und wieder Ordnung ins Gemeindeleben bringen. Er hat jedoch eine sehr streng-orthodoxe und frauenfeindliche Glaubensauffassung, die er versucht auf die liberale Gemeinde zu übertragen. Bei den Männern kann er punkten, die Frauen aber protestieren und sagen: nicht mit uns. Der Regisseur Emil Ben-Shimon ist genau in so einem Viertel aufgewachsen. Er sagt, dass er es heute nicht wiedererkennt. Der religiöse Extremismus, der sich oft gegen Frauen richtet, nimmt sehr stark zu. The Women's Balcony zeigt, dass es auch Rückschritte in Sachen Frauenrechte gibt.

Neben den Filmvorstellungen gibt es einige Rahmenveranstaltungen. Eine davon ist ein Themenabend zu Frauenorganisationen in Rojava am Donnerstag, den 23. November um 20:00 Uhr im Club Voltaire. Rojava ("Westen") ist die kurdische Region im Norden Syriens. Seit mehreren Jahren kämpfen dort die Frauen gegen den IS und versuchen in Selbstverwaltung eine gleichberechtigte Gesellschaft mit demokratischen Strukturen aufzubauen. Sie setzen sich dafür ein, dass von der kommunalen bis zur parlamentarischen Ebene Frauengremien eingerichtet werden. "Ohne Freiheit der Frau keine Demokratie". Meike Nack von der "Stiftung der Freien Frau in Rojava" wird über Utopie und Realität dieser Bewegung sprechen. Im Kino Museum gibt es eine Ausstellung in Form von Tafeln mit Fotos und detaillierten Texten zu der Bewegung in Rojava.

Ein Highlight des Filmfests ist auf jeden Fall die Eröffnung am 22. November um 19:30 Uhr im Kino Museum mit dem Film Pokot - die Spur. Die Regisseurin Agnieszka Holland beschreibt ihren Film als feministischen Öko-Thriller. Pokot spielt in einem kleinen polnischen Dorf und dreht sich um eine Frau, die Rentnerin, Vegetarierin und Tierschützerin ist. Sie mischt sich in alle Dorfangelegenheiten ein und lässt sich auch nicht von den Männern beirren. Agnieszka Holland sagt, dass Pokot eigentlich eine Parabel auf die rechte Bewegung sei, die in Polen stattfindet und die sich vor allem gegen die Frauen und die Natur richte. Die Frauenfigur im Film steht stellvertretend für die ältere Frauengeneration, die gerade 2016 in Folge des Abtreibungsgesetzes auf die Straße ging, um für die Zukunft ihrer Kinder zu kämpfen. "Unterhaltsam, super spannend und cineastisch toll.", sagt Kathrin und lädt herzlich zur Eröffnung ein.


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