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"Am Ziel" - Zimmertheater Tübingen

Am Freitag den 20. Oktober 2017 findet die Premiere des Stücks "Am Ziel" von Thomas Bernhard statt. Was passiert, wenn in den einstudierten Alltag von Mutter und Tochter plötzlich Unordnung einkehrt? Dramaturgin Sandra Schumacher und Regisseur Johannes C. Hoflehner erzählen.

"Am Ziel" ist ein Stück von Thomas Bernhard aus dem Jahr 1981. Am Freitag den 20. Oktober 2017 feiert es im Zimmertheater unter der Regie des Wieners Johannes C. Hoflehner Premiere. In Wien war er 16 Jahre Intendant eines Theaters. In dieser Zeit entstand die Kooperation mit dem Zimmertheater Tübingen. Nach einem Jahr Auszeit, in der er sich bei seinem Projekt in Uganda engagierte, kehrte er nun als Gastregisseur zurück zum Theater. Er bewundere das Zimmertheater und besonders das großartige Ensemble.

Johannes ist ein großer Fan der Schauspielerin Nicole Schneider und suchte so nach Stücken, die ihr gerecht werden würden. Die Wahl fiel schließlich auf Thomas Bernhards Stück "Am Ziel". In dem Stück geht es um eine Mutter (Nicole Schneider) und eine Tochter (Kim Bormann), die seit Jahren in ihrer eigenen festgefahrenen Ordnung leben. Jeder Tag scheint wie choreographiert. Wie jedes Jahr besuchen sie ihr Sommerhaus im holländischen Katwijk. Ein Theaterbesuch soll alles verändern. Die narzisstische und machtgierige Mutter lädt den aufstrebenden Schriftsteller (Paul Schaeffer) nach der Uraufführung seines Stücks "Rette sich wer kann", ins Sommerhaus ein. Der junge Mann bringt die gewohnte Ordnung ins Schwanken. Ein oszillierendes Machtspiel beginnt. Auf der Suche nach der endgültigen Antwort auf die existentiellen Fragen des Lebens stehen die drei Protagonisten mehrmals vor dem menschlichen Abgrund. Wird die endgültige Antwort getreu nach Thomas Bernhard der Tod sein?

Thomas Bernhard hat in dem Stück seine eigene Biographie in poetischer, geheimer Art verarbeitet, die es als ZuschauerIn zu entschlüsseln gilt. "Am Ziel" sei eine innere Biographie von Thomas Bernhard, sagt Johannes. Und mit dieser Vision inszenierte er in Zusammenarbeit mit den SchauspielerInnen und der Dramaturgin Sandra das Stück. Bernhards Biographie verspricht ein dramatisches und spannendes Stück.

Thomas Bernhard wurde 1931 in Holland geboren. Er wuchs bei seinen Großeltern in Wien auf, bevor ihn seine Mutter in ein nationalsozialistisches Erziehungsheim steckte, in dem er traumatische Erfahrungen machte. Sein Vater verleugnete ihn; er lernte ihn nie kennen. Um 1950 erkrankte Thomas und entkam nur knapp dem Tod. Zur selben Zeit starben sein geliebter Großvater und seine Mutter. Auf literarische Weise begann er daraufhin seine Traumata zu verarbeiten. Im Alter von 58 Jahren erlag er einer Lungeninfektion.

"Am Ziel" lebt weniger durch die Handlung, als durch die Sprache. In seinen Texten erweckt Bernhard die Sprache zum Leben, in dem er ihr mit musikalischem Feingefühl einen Rhytmus verleiht. Das Ereignis in "Am Ziel" ist die Sprache und das, was in der Sprache stattfindet. Machtspiele, Unterdrückung, Demütigung, Übertreibungen und groteske Beschimpfungen. Bernhard gilt als Sprachkreateur. Er prägte und etablierte Begriffe wie "Lebensmensch" oder "Theatermacher". Er war kein Beschreiber des Alltäglichen, sondern von Seelenzuständen und Denkprozessen. Die wesentlichen Fragen der Existenz stehen bei ihm im Vordergrund.

Bernhards Werke enthielten oft skandalöse Äußerungen über das katholisch-nationalsozialistische Österreich, dem er sich bewusst entgegenstellte. Seine Schimpftiraden sorgten immer wieder für Schlagzeilen und Widerstand von Seiten der Politik. Für Johannes schon damals Realsatire, die mit den jüngsten Wahlergebnissen in Österreich einen bitteren Beigeschmack erlangt.

Mit der europaweiten rechtspopulistischen Bewegung bemerkt Johannes eine zunehmende Hilflosigkeit der Menschen. Man müsse die Menschen ansprechen, die für die Tiraden und Worthülsen der rechten Parteien empfänglich sind. "Wir arbeiten uns jetzt an den Fehlern ab, die die Bildungspolitik in den 90er Jahren gemacht hat", sagt Johannes. Die Reaktion sollte also sein, in Bildung zu investieren. Jedoch fehle ein zündendes Konzept der Politik.

Theater hat eine sehr wichtige Aufgabe im Bereich der Bildung. Es diene als Stachel, der zum Nachdenken, Hinterfragen und Irritieren anregt. Dies wiederum bringt neue, kreative Lösungen hervor. Johannes kritisiert, dass sich die Kulturpolitik in den letzten Jahren verabschiedet hat. Mit Thomas Bernhard als (ehemals) lebendiges Beispiel vermittelt "Am Ziel" bei all der tragischen Handlung dennoch eine positive und universelle Botschaft: wie nah man auch am (menschlichen) Abgrund steht - die Hoffnung sollte man nie aufgeben.


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