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Nachrichten vom 18.03.2016

Weiter Unechte Teilortswahl

Mit der Gebietsreform in Baden-Württemberg in den 70ern, bei der einzelne Gemeinden zusammengefasst wurden, sicherte man den Teilorten eine bestimmte Anzahl an Sitzen im neuen zentralen Gemeinderat zu. Für diese Sitze ist eine unterschiedliche Anzahl an Stimmen notwendig – die sogenannte Unechte Teilortswahl. Diese gilt auch für die Härtengemeinden Immenhausen, Jettenburg, Mähringen, Wankheim und Kusterdingen. Zusammen mit der Landtagswahl fand hier auch der Bürgerentscheid über die Abschaffung der unechten Teilortswahl statt. Die Argumente für die Abschaffung waren die komplizierte Wahlform, durch die bis zu 20% der Stimmzettel jeweils ungültig waren, die möglichen Chancen für einzelne Kandidaten bei einer allgemeinen Auszählung und die verstrichene Zeit, in der die Einzelgemeinden zusammengewachsen seien. Mit einem Vorsprung von 175 Stimmen setzten sich die Befürworter des bisherigen Verfahrens durch: die Unechte Teilortswahl bleibt bestehen. Zwei Drittel der Wahlberechtigten hatten abgestimmt, nur die Kusterdinger waren für die Abschaffung. Die übrigen Teilorte sahen sich durch die festen Plätze im Gemeinderat sicherer repräsentiert.

Hohe Stickoxid-Werte

Schlechte Luft in Tübingen: An rund sieben Messstellen hat die Umweltorganisation Greenpeace die Stickstoffdioxid-Werte in der Stadt gemessen. Im Durchschnitt lagen die Werte etwa bei 70 Mikrogramm; der höchste Wert wurde am Lustnauer Tor mit mehr als 400 Mikrogrammm gemessen. Der EU-Grenzwert liegt bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Laut Greenpeace-Experte Daniel Moser fahren zu viele Autos in Tübingen herum. Die Autoindustrie würde seit Jahren die Grenzwerte massiv überschreiten. Moser schlägt deshalb eine blaue Plakette für wirklich saubere und unabhängig getestete Automodelle vor. Oberbürgermeister Boris Palmer hält davon nicht viel, weil dadurch knapp 90 Prozent aller Autos in Tübingen nicht mehr in die Stadt hinein fahren dürfen. Stattdessen setzt Palmer auf Jobtickets, mehr Radwege und den freiwilligen Verzicht aufs Auto. Die Situation birgt allerdings noch ein weiteres Problem: Wegen jahrelanger Überschreitung der Grenzwerte für Stickstoffdioxid könnte die EU-Kommission ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland einleiten.

Zentralisierte Notfallärzte

Im Landkreis Tübingen wird es künftig eine zentrale Notfallpraxis für alle Patienten geben, die abends oder am Wochenende einen Arzt brauchen. Die Kassenärztliche Vereinigung wird die Notfallpraxis in den Räumen des Tübinger Uniklinikums betreiben. Außerhalb der Sprechstundenzeiten kann man ohne Anmeldung an den Haupteingang der medizinischen Klinik kommen. Bisher war die hausärztliche Versorgung im Landkreis in Notfallbezirke aufgeteilt. In Tübingen, Rottenburg und im Steinlachtal gab jeweils einen Hausarzt mit Bereitschaftsdienst und Sprechzeiten. Jetzt müssen alle zum Uniklinikum kommen. Für Hausbesuche wird es zusätzlich noch einen Fahrdienst geben.

Reparatur-Vernetzungstreffen

Am vergangenen Samstag kamen Vertreterinnen und Vertreter von mehr als 30 Reparaturinitiativen aus ganz Süddeutschland zu einem Vernetzungstreffen ins Werkstatthaus im Französischen Viertel. Es ging um den Austausch von Erfahrungen und es gab Tipps zu Zukunftschancen und organisatorischen Fragen. Die verschiedenen Arbeitsgruppen besprachen Sicherheitsaspekte bei Reparaturen, Schwierigkeiten bei der Gründung oder das Verhältnis zu professionellen Reparaturbetrieben. Das Repair-Café aus München präsentierte das Pilotprojekt „Reparatursiegel“. Sie wollen alle Reparaturen detailliert erfassen und so bei verschiedenen Produkten Schwachstellen aufdecken und dies den Herstellern melden. Die Reparaturinitiativen sehen sich nicht als Dienstleister, sondern als eine Art Nachbarschaftshilfe. Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe und darum, Fähigkeiten zu vermitteln.

Pferde statt Maschinen

Im Nehrener Gemeindewald marschierten zwei stattliche Rückepferde auf. Matthias Pfeiffer und Michael König dirigierten sie durch den Wald. Die Rückepferde sind durchaus noch ein sehr moderndes, spezielles Arbeitsmittel. Auch wenn man eher an dröhnende Vollernter und mächtige Zangenschlepper bei der Forstwirtschaft denkt. Tatsächlich werden gerade mal zwei Prozent der Waldfläche mit Pferden bewirtschaftet. Sie arbeiten dafür aber wesentlich boden- und bestandsschonender als Motorgeräte. Die Pferde kann man vorsichtig an schützenswerten Bäumen vorbei lotsen – das geht mit schweren Motorgeräten nicht. Die Pferde können den angeketteten Baum kontrolliert aus dem Wald ziehen. Oft werden sie auch zum Vorliefern bis zur nächsten Rückegasse eingesetzt, die mit Maschinen befahrbar werden. Da Pferde nur eingeschränkt leistungsfähig sind, eignen sie sich für Arbeiten im Schwachholz – so wie am Dienstag im „Spundgraben“ in Nehren.

Schalter statt Automat

Seit Jahren kursierten Gerüchte in Mössingen, dass der Schalter am Bahnhof schließen werde. Die Deutsche Bahn wollte den Vertrag mit der DB Netz AG nicht mehr verlängern; diese hatte bisher die Schalter betrieben. Die Fahrdienstleiter, die die Tickets verkauften, sollen sich wieder auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren. Stattdessen betreibt nun Stefan Blum mit seiner Privatagentur den Fahrkartenverkauf in der alten Abstellkammer der Bahn. Die Abstelkammer wurde renoviert und ist direkt von Gleis Eins aus erreichbar. Vorerst bietet Blum nur Fahrkarten an. Später soll es eventuell möglich sein, zum Städtetrip auch ein Hotelzimmer mitzubuchen. Was man jetzt schon am Schalter kaufen kann, sind Saft, Limo, Schokoriegel und Kaffee. Und frei nach dem Motto „Nimm dir eines und bring eines“ werden Literaturfreunde bei den „Wandelbüchern“ fündig.

Pflanzen konditionieren

Kann man Pflanzen dressieren? Ihnen bestimmte Verhaltensweisen beibringen? Genau damit beschäftigen sich die Tübinger Biologen Michael Grundmann und Katja Tielbörger. Für ihre Forschung erhalten sie 100 000 Euro aus dem Programm „Experiment!“ der Volkswagenstiftung. Vorbild für die Idee der Pflanzendressur war ein Experiment von Iwan Pawlow: Dieser konnte einen Hund nur durch einen Glockenschlag zum Sabbern bringen – obwohl kein Futter vor dem Hund stand. Grundmann und Tielbörger sind überzeugt, dass Pflanzen genau wie Tiere ein bestimmtes Verhalten haben. Nun wollen sie testen, ob man dieses Verhalten – genau wie bei Pawlows Hund – beeinflussen kann. Testen wollen sie zum Beispiel, ob die Venusfliegenfalle auch dann blitzartig ihre Blätter schließt, wenn es kein Futter oder eine Gefahr gibt.

Viktors Kopf

Vergangene Woche hatte im Kino Arsenal ein Dokumentarfilm Premiere, der auf die Wirkung unbewältigter Geschichte hinweist: Die Kölnerin Carmen Eckardt recherchierte das Schicksal ihres Urgroßvaters Viktor Kunz, ein Pazifist, Anarcho-Syndikalist, kurzzeitiger Arbeitsminister der pfälzischen Separatisten und antifaschistischer Widerständler, der 1943 im besetzen Elsass verhaftet und von dem berüchtigten Nazirichter Roland Freisler zum Tode verurteilt wurde. Das Urteil wurde in Stuttgart vollstreckt, die Leiche dem Anatomischen Institut der Universität Tübingen für Präparierkurse von Medizinstudenten zur Verfügung gestellt. Der Film "Viktors Kopf" zeigt nicht nur die Recherche und ihre Ergebnisse sondern auch die Auseinandersetzung der Urenkelin mit den eigenen Gefühlen und den Blockaden, mit denen schmerzhaftes vermeintlich totgeschwiegen wird die noch heute wirksam sind: in der Familie und bei den Zuständigen des öffentlichen kollektiven Erinnerns.




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