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28. Französische Filmtage

„In Frankreich wollen junge Leute ins Kino gehen und etwas sehen, das mit ihnen selbst zu tun hat – oder sie wollen etwas über andere Kulturen erfahren. Sie wollen Themen, über die sie danach diskutieren können.“ sagt Christopher Buchholz, der Leiter der Französischen Filmtage.

Vom 2. bis zum 9. November kann man sich von der Qualität  der Filme des französischsprachigen Raums überzeugen. Auch wenn es niemandem gelingen wird, sämtliche der rund 80 Filme zu sehen. Denn daß dieses Filmfest auch Kurzfilmen ein angemessenes Leinwandlicht  gewährt, macht dem Genießer die Auswahl an diesem üppigen Film-Buffet  nicht gerade leichter. „Fast schon menschlich“ war das Motto der letzten französischen Filmtage“ - und der ersten unter der Leitung von Christopher Buchholz. „Generation Revolution“ ist das Motto der diesjährigen, 28. Französischen Filmtage in Tübingen. Damit ist nicht nur die Aufbruchstimmung des arabischen Frühlings gemeint, sondern ebenso Veränderungen auch innerhalb Europas in den menschlichen Beziehungen und den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen.




Hm, denke ich nach diesem anregenden Interview, vielleicht ist das ja das Besondere an den französischen Filmen. Die Menschen darin erscheinen so real. Vielleicht ist es ja so, daß diese Filme das Wunderbare, das Absurde, das Tragische aus diesem Realen des Lebens heraus entwickeln. Das hieße, sie besäßen diesen Blick auf das Poetische und den Irrwitz des ganz gewöhnlichen Lebens, seine Tragik und seine Möglichkeiten. Den Traum, der verbunden ist mit der Realität, weil er aus ihr geboren ist.

"Sicher, aus Amerkia kommen großartige Filme. Aber nach einem Blockbuster kann man nicht mehr sagen als, oh, das war toll." meinte Christopher Buchholz. Nunja, die großen amerikanischen Hollywood Blockbuster und TV Lieblingsserien sind gerne Bigger than Life. Die Menschen verlieren sich genießerisch in den Bildern dessen, was sie gerne wären und was sie gerne hätten. Und danach finden sie sich in ihrem eigenen Leben wieder, in ihrer eigenen Haut und die Diskrepanz zwischen den Idolen und ihrem eigenen Selbst und Sein wird immer größer. Vielleicht ist das der Grund dafür, wie sie mit ihren Idolen umgehen. Da wird ein Mensch zum Abbild all dieserTräume gekürt, auf einen roten Teppich gestellt und in gleißendes Licht getaucht. Doch da lauern sie bereits in den Schatten, die Moskitos mit den Kameras, um diesem Menschen die goldglänzende Robe vom Leib zu reißen, ihn in all seinen Peinlichkeiten zu entblößen, das trunkenene Lallen nach dem Besuch der Bierkneipe und die vermeintlichen Fehltritte seines Liebeslebens.

Noch genüßlicher als die Umjubelung des Idols ist seine Demontage. Die Kreation dessen, was man begehrt, muß zerstört werden angesichts ihrer Unerreichbarkeit. Michael Jackson wurde vom schwarzen Buben zum makellös schönen weißen Superstar, aus dem Kind auf der Bühne wurde ein kometengleich fliegender Peter Pan, zuletzt sah man ihn des Kindesmißbrauchs angeklagt, mit einem bleichen und grotesk verformten Gesicht vor seinem frühen Tod, der den Massen das entrückte Idol zurückbrachte. So bildete sein Schicksal letztendlich doch das Schicksal all jener ab, denen er Idol war und ist.

Britney Spears, der Teenager der im leicht geschürzten Klosterschülerinnenkostüm die Phantasien des frommen Amerikas anheizte, machte ihre letzten Schlagzeilen als gemütskranke Mutter ohne Unterwäsche, die mit Spott und Hohn übergossen wurde von all jenen, die genau wußten wie frau sich zu benehmen habe. Nun gut, diese beiden waren Pop-Idole, aber mir scheint, für die Film-Idole gilt ähnliches. Es gehört schon ein George Cloony dazu, mit den Mechanismen einer solchen Traumfabrik virtuos umzugehen. Ob auch er einen Preis dafür bezahlt?

Was wird aus den Menschen und der Menschlichkeit bei all dem? Den Menschen auf beiden Seiten der glänzenden Bilder, den Abgebildeten und den Schauenden? Was sagen solche Mechanismen über die Menschlichkeit einer Gesellschaft, oder besser, der Achtung vor der Menschlichkeit?

Mir will es scheinen, daß im Umgang der frankophonen Öffentlichkeit mit ihren Idolen eine gewisse Wahrung der menschlichen Würde zu beobachten sei.

Gelingt es den französischen Filmen, auch den großen, eher, das Menschliche so darzustellen, daß seine Zuschauer und -innen mit einer neuen Achtung vor der eigen Menschlichkeit, dem eigenen Erleben aus dem Kino kommen? Mit einem neu geweckten Blick für die Poesie und das Wunder des Alltäglichen? Einem neuen Blick auf sich selbst und die Mitmenschen, auch die, die so viel anders scheinen als man selbst?

Mal sehen.... Gelegenhei dazut gibt es genug, in diesen Tagen Anfang November in Tübingen, aber auch in Stuttgart, Rottenburg und Mössingen.

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Ich war sehr nervös, als ich erfuhr, daß ich das Interview mit dem Leiter der Französischen Filmtage, machen sollte, das Interview mit Herrn Buchholz. Wir waren doch nur zu zweit, keine von uns hätte Zeit, ihn mit einem Kaffee zu empfangen. Nichts würden wir ihm kredenzen können. Genaugenommen kredenzten wir auch unseren anderen Gästen nur selten etwas. Wir waren einfach immer zu beschäftigt mit unseren Reglern und Regelungen in letzter Minute. Aber waren Träger großer Namen es nicht gewohnt, ihre eleganten Schuhe auf rote Teppiche zu setzen? Rote Teppiche hatten wir auch nicht in der Wüsten Welle. Nur rotes Linoleum und diesen abgewetzten, was ist das eigentlich – Beton? Und hoffentlich sagte ich nicht mitten im Interview aus Versehen „Du“ wie bei vielen meiner anderen Lieblingsgäste aus den künstlerischen Sparten.

Ich hab´ dann nach unten geschaut. Er hatte tatsächlich schöne Schuhe. Ich fand sie jedenfalls schön. Aber er hatte überhaupt kein Problem damit, sie auf unserern abgewetzten Boden zu setzen, und auf unser rotes Linoleum.

Es stellte sich dann heraus, daß er Christopher heißt und sehr menschlich ist. Ich meine diese Menschlichkeit, die sich gar nicht darum bemüht, erhaben daher zu kommen. Diese Menschlichkeit, die sich zuallererst auf Augenhöhe verständigen möchte. Sind Künstler menschlicher? Haben sie mehr Raum, in dem sie ihre Menschlichkeit entfalten können? Oder ist es als Person, die mehr öffentlich wahrgenommen wird als andere, auch eine Aufgabe, die eigene Menschlichkeit zu wahren?

Jedenfalls besaß auch er diese Begeisterung, die ich an meinen Gästen, die in künstlerischen Bereichen tätig sind, so mag.

Hm – haben nur die das? Nein, das gibt es bei allen Menschen. Was ist das Spezifische? Vielleicht dieses Staunen an der Welt, an immer neuen Möglichkeiten, so eine ernsthafte Verspieltheit. Ist es das, was für mich meine Definition der Menschlichkeit bestimmt und haben Künstler bessere Chancen diese eine von etlichen grundlegenden Eigenschaften des Menschlichen zu leben?

Es war ein sehr angenehmes Interview, fast wie mit meinen Lieblingsgästen vom Theater. Aber nicht ganz, eben nur fast.

Der Leiter der französischen Filmtage verfügt auch noch über diesen wunderbaren französischen Charme.

Ach ja...

Auf zum französischen Filmfest!

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