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Mai 2019 November 2021


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MRW :: Diskriminierung - Was tun, wenn die Menschenrechte nicht mehr gelten?

Die diesjährige Menschenrechtswoche fand vom siebten bis achtzehnten Juni digital statt. Zu der Eröffnungsveranstaltung waren der jüdische Rapper Ben Salomo, der Pfarrer und Kabarettist Armen Reiner Schmidt und die Bundestagsabgeordnete der Linken Kerstin Kassner eingeladen. Dort haben sie über eigene Diskriminierungserfahrungen berichtet und Schritte auf dem Weg zu einer diskriminierungsfreien Gesellschaft besprochen. Und auch die Tübinger Passant*innen hatten einiges zu Diskriminierung im Alltag und der Arbeit gegen Vorurteile zu sagen.

In der Eröffnungsveranstaltung der Menschenrechtswoche wurde erörtert, dass der Mechanismus von Diskriminierung auf dem Bedürfnis der Menschen nach dem Gefühl von Stärke und Anerkennung basiere. Dieses erreichen sie laut Reiner Schmitt unter anderem durch die Abwertung anderer Personen. Menschen als Teil von Gruppen zu betrachten, denen man eine bestimmte Wertigkeit zuspricht, sei tief in unser Denken verwurzelt. Dies beginne schon im Kindergarten und der Schule, wo dementsprechend auch die meiste Aufklärung betrieben werden müsse. Sowohl Kerstin Kassner als auch die Tübinger Flaneure sahen hier einen Schlüsselpunkt: Kinder und Jugendliche müssen einen respektvollen und empathischen Umgang miteinander lernen und die Möglichkeit haben, Verletzungen anzusprechen und zu verarbeiten. Denn oft sind es gerade die Menschen, die während dem Aufwachsen Hänselei und Ausgrenzung erfahren haben, die später selbst zu respektlosem und unterdrückendem Verhalten tendieren.

Und davon konnten die drei Gäste einiges mit den streamenden Zuschauer*innen teilen. Reiner Schmitt zum Beispiel wird oft als „der Behinderte“ wahrgenommen. Bei einem Tischtennisspiel regte sich sein Gegner auf, auch noch gegen einen Behinderten verlieren zu müssen, eine Zeitung schrieb über eine besonders gelungene Predigt des behinderten Pfarrers und eine unbekannte Frau in einem Bahnhof machte die halbe Bahnhofshalle darauf aufmerksam, dass er trotz seiner kurzen Arme alleine ein Brötchen kaufen konnte. Schmitt plädierte für einen entschlossenen Umgang mit solchen Situationen. Egal ob man Diskriminierung im größeren Kontext oder auch bei Freunden oder in der Familie wahrnehme, man müsse es thematisieren. Eine Stimme aus dem Chat zu der Frage, wie man solche Gespräche beginnen könnte: „Ich glaube, ich rieche ein Vorurteil.“

Ben Salomo erzählte sehr offen, was Vorfälle von Diskriminierung für persönliche Folgen haben können. Von Wut über Frustration bis hin zu depressiven Schüben, bei denen er das Bett nicht mehr verlassen wollte, sei alles dabei. Als Person des öffentlichen Lebens erlebt er Antisemitismus als ein dauerhaftes „Grundrauschen“. In der Rapszene seien antijudaistische und antizionistische Äußerungen nicht unüblich und gerade in seiner Schulzeit habe er damit schlimme Erfahrungen gemacht. Als er merkte, dass dieses „Grundrauschen“ ihm selbst die Freude über die ersten Worte seiner Tochter nahm, fasste er den Entschluss, mit der Rap-Szene zu brechen. Nun arbeitet er in der Antisemitismusprävention und hat ein eigenes Musik-Format erschaffen: Er organisiert wöchentliche „Rap-Battles“, die jedoch frei von diskriminierender Sprache sein müssen.

Die Tübinger*innen erzählten von sexistischen Bemerkungen in der Bar, Polizeiuntersuchungen aufgrund punkiger Kleidung und Vorurteilen, die Arbeitskolleg*innen mit Migrationshintergrund schon erlebt haben. Außerdem gaben sie zu, sicher auch selbst Vorurteile zu haben, ob bewusst oder unbewusst. Diese bei sich selbst zu entdecken, die Mitmenschen wieder aus den eigenen Schubladen herauszuholen und mehr als Individuen wahrzunehmen, sei ein wichtiger Schritt um hin zu einer diskriminierungsfreien Gesellschaft. Ein Passant prophezeite, dass unsere Gesellschaft nie ganz frei von Diskriminierung werde, man diese jedoch so weit wie möglich reduzieren müsse. Kontakte knüpfen und ungewohnte Bekanntschaften zu machen, helfe dabei.  


Audio

Download (9,85 MB)
MRW_Diskriminierung.mp3





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