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RESONANZ CON(TRA)SENS


Beiträge & Artikel

Erfassen, Bewerten, Lenken: Warum die Technologisierung der Gesellschaft ein Angriff auf unsere Selbstbestimmung ist

"Technologie ist nie neutral, sondern immanent politisch." (Çapulcu) / Bereitwillig teilen Kund*innen und Nutzer*innen ihre Daten und ihr Geld, um mehr Daten und Geld zu produzieren und finanzieren so ihre eigene Fremdbestimmung.

Hinter Big Data stehen in Europa in erster Linie ökonomische Interessen.
Erst kommt das Sammeln von Daten, danach die Manipulation.


Wenn Daten gesammelt werden, geschieht das nicht ohne ein bestimmtes Interesse. Die Akteure der Digitalisierung und Technologisierung sind vor allem privatwirtschaftliche Unternehmen wie Amazon, Google, Facebook. Dabei steht aber nicht nur die Vereinfachung von Arbeitsprozessen und von alltäglichen Vorgängen wie Einkaufen im Vordergrund, sondern die eigene Profitmaximierung. Die Erfindung einer Technik ist dabei abzugrenzen von einer Technologisierung, die auf der Erfassung und Bewertung allerlei persönlicher Daten basiert: Arbeitsleistungen, Einkaufsmuster, Lebensgewohnheiten, Kommunikationswege werden vermessen und die Daten einer Statistik zugeführt. Auf dieser Basis werden Normen errechnet, die zur Bewertung persönlicher Lebensstile führt und zur "Entwertung" abweichender Verhaltensmuster. Es geht also um Verwertung ganz allgemein: Unternehmen machen sich die gesammelten Daten zueigen, und Betriebe "rationalisieren" ihre Arbeitsprozesse. Dahinter steht ein Profitinteresse, welches der Autonomie der Menschen entgegensteht. Big Data hilft dem Kapitalismus, sich schnell zu erneuern, ist aber auch abgekoppelt vom einbettenden Wirtschaftssystem kritisch zu betrachten: allein schon die Entblößung der individuellen Merkmale, zur (Selbst-)Optimierung erfasst, sind ein technologischer Angriff auf die Selbstbestimmung.
Die Auswertung von statistischen Daten findet in fast allen Bereichen Anwendung, zum Beispiel in der dynamischen Preisanpassung bei Versicherungstarifen - je nach Ernährungs- und Lebensgewohnheiten - oder im Supermarkt - angepasst an die individuelle Kaufkraft und Bedarf. Dabei spielt auch die anvisierte Abschaffung von Bargeld eine essentielle Rolle, denn nur so können Einkaufsgewohnheiten genau mitgeschnitten werden. Um bei nicht-normativem Verhalten nicht entwertet zu werden, oder um den eigenen "Sozialkredit" möglichst hoch zu halten, steigt der Anpassungsdruck auf den Menschen. Während in China die staatliche und soziale Kontrolle bereits über Social Scoring gehandhabt wird, können sich die persönlichen social-media-Kontakte hier beispielsweise auf die Wohnungssuche auswirken. Eine Regulierung von sozialen Fragen über technokratische Mittel führt zur Lenkung und Manipulation der IT-Nutzer*innen. Das Zusammenspiel von Big Data aus allen Bereichen ist die Grundlage des "technologischen Angriffs".
Dabei besteht eine fundamentale Kritik an der Technologisierung der Gesellschaft auch darin, dass kausale Zusammenhänge eine kleinere Rolle spielen als (zufällige) statistische Korrelationen. Ohne in irgendeiner Weise theoriegeleitet bzw. wissenschaftsorientiert zu sein, wird unser Zusammenleben von Abermillionen gesammelten Daten gelenkt.

 
Über die Herrschaftsförmigkeit der Technologisierung sprach Lars von der Gruppe Çapulcu in dem Vortrag:
"Disrupt! Widerstand gegen den technologischen Angriff."

Darin wird die Dominanz von rein technologischen Ansätzen historisch eingeordnet und einer grundlegenden Kritik aus linksradikaler Perspektive unterzogen. Folgende Themen werden angesprochen:
* Algorithmen als digitale Fließbänder von heute
* der Anpassungsdruck des Menschen an die Maschine
* verschiedene Techniken zur Persönlichkeitsanalyse und deren Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt
* Social Scoring un d die Auswirkungen auf dem Wohnungsmark t
* die Veränderung der Arbeitswelt durch On-Demand-Leistungen
* die Rolle von Bezahlsystemen bei der Veränderung von Preissystemen
* die Gefährdung des Solidaritätsprinzips durch normative Kraft aus Big Data
* die Notwendigkeit und Möglichkeiten zum Widerstand gegen die totale Erfassung.

Danach hat Resonanz Con(tra)sens mit Lars ein Interview geführt.

Neben der Frage nach der Möglichkeit einer solidarischen Technologie diskutieren wir auch die Hintergründe bei den neuesten Entwicklungen von Amazon, und besprechen die Notwendigkeit einer autarken Kommunikation (nicht nur für politische Anlässe).

Die Audiodatei ist am Ende der Seite zu finden.

 Social Score als Herrschaftsinstrument, [2]

Social Scoring als Herrschaftsinstrument? [2]


    DISRUPT! Widerstand gegen den technologischen Angriff...

    ...beschreibt die Versuche, das menschliche Dasein den Anforderungen einer reduktionistischen künstlichen Intelligenz zu unterwerfen. Der Anpassungsdruck des Menschen an die Maschine wirkt bereits jetzt - weit vor einer vollständigen Vernetzung aller mit allem. Capulcu dechiffriert diese - oft unhinterfragte - Entwicklung als Angriff auf unsere Autonomie und analysiert seine entsolidarisierende Wirkung. Denn Technologie ist nie neutral, sondern immanent politisch. Mit Macht vorangetriebene technologische Schübe sind schwer und selten umkehrbar, sonald sie gesellschaftlich erst einmal durchgesetzt sind und der darüber geprägte "Zeitgeist" für die notwendige Stabilisierung gesorgt hat.
    Ein Gegenangriff auf die Praxis und die Ideologie der totalen Erfassung erscheint deshalb zwingend notwendig. Capulcu plädieren für die Wiederbelebung einer praktischen Technologiekritik zwischen Verweigerung und widerständiger Aneignung spezifischer Techniken.
Nachdem Amazon in Tübingen ein Forschungszentrum eröffnen will, soll die Veranstaltung zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Amazon beitragen.

Çapulcu ist eine Gruppe von technologie-kritischen Aktivist*innen und Hacktivist*innen. Sie veröffentlichen Texte in verschiedenen linken Medien, bringen regelmäßig Broschüren heraus und bieten Schulungen für linke Aktivist*innen, Journalist*innen und Anwält*innen an.
                                                                                                                            

Die Veranstaltung war eine Kooperation des Infoladen Tübingen und des Projektbereich "Politik und Kultur" des Wohnprojekts Schellingstrasse und fand am 21.2.2018 in der Hausbar der Schellingstrasse 6 statt.

 

Weiterführende Links:

Auf der Homepage der Gruppe Çapulcu (türkisch: Wegelagerer, Nichtsnutze) stehen zahlreiche Materialien zu den Themen Digitale Selbstverteidigung und Technologiekritik zum Download bereit.

Gruppe Çapulcu: https://capulcu.blackblogs.org/

Beitrag von Resonanz Con(tra)sens über Amazons Beteiligung am Cyber Valley: Cyber Valley - Gefährliche Mischung über den Dächern Tübingens

Bericht im Deutschlandfunk Kultur über das Sozialkreditsystem in China:
Chinas Sozialkredit-System auf dem Weg in die IT-Diktatur

Bericht vom 34. Chaos Communication Congress auf der Wüsten Welle: 34c3: Bericht vom 34. Chaos Communication Congress

Chaos Computer Clubccc.de und besonders auch alle Vortragsaufzeichnungen im Rahmen des CCC: https://media.ccc.de/

Infoladen Tübingen: infoladen.mtmedia.org

 

Bildquellen:

[1] http://www.installation-international.com/avtechnology/digital-signage-speeding-forward-headed/

[2] https://www.youtube.com/watch?v=lHcTKWiZ8sI , Propaganda Games: Sesame Credit - The True Danger of Gamification - Extra Credits


Audio

Vortrag Çapulcu

Download (66,72 MB)
capu_schelling_mp3_95.mp3


Interview mit einem Capulcu im Anschluss an den Vortrag vom 21.2. in der Schelling

Download (31,99 MB)
Interview_Capulcu_2018-02-21.mp3



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