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IMI-Kongress 2017 :: Krieg im Informationsraum :: Mediale Schieflagen

Der jährliche Kongress der Informationsstelle Militarisierung (IMI e.V.) widmete sich im November 2017 dem „Krieg im Informationsraum“. Anlass für das Thema war die Aufstellung des neuen Bundeswehr-Kommandos "Cyber und Informationsraum" (CIR) im April 2017. Die Vorträge greifen Beispiele bereits jetzt bestehender Schieflagen in der Berichterstattung durch klassische und „neue“ Medien auf.

Ein weiterer Anlass für die Themenwahl war ein wenig beachtetes Dokument, welches das Europäische Parlament (EP) im November 2016 verabschiedet hatte und das einleitend vorgestellt wurde. Darin wird die Behauptung aufgestellt, dass sowohl der Islamische Staat wie auch Russland einen „Informationskrieg“ gegen die Europäische Union führen würden und dass dieser Teil einer hybriden Kriegführung wäre, „die dazu dient, die politische, wirtschaftliche und soziale Lage von im Fokus stehenden Ländern zu destabilisieren, ohne ihnen formell den Krieg zu erklären.“

Das EP fordert mit Nachdruck auf, diesen „Informationskrieg“ anzuerkennen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Diese reichen von der Finanzierung von Maßnahmen, um im russischen Informationsraum „unabhängige Medienunternehmen, Denkfabriken und nichtstaatliche Organisationen insbesondere in der Muttersprache der Zielgruppe“ zu unterstützen, bis hin zur verstärkten Mobilisierung der Geheimdienste und der Strafverfolgungsbehörden gegen die Quellen „europafeindliche[r] Propaganda“ innerhalb der EU.

Sowohl bei der Beobachtung „feindliche[r] Informationsmaßnahmen“ und damit zusammenhängender Finanzströme, als auch bei der Erarbeitung von Fähigkeiten, diese zu unterbinden, sei eine enge und kontinuierliche Zusammenarbeit mit der NATO anzustreben.

Verzerrungen in der außenpolitischen Berichterstattung – Befunde und Erklärungsansätze (Christopher Schwitanski)

Christopher Schwitanski zeigt anhand einer Netzwerkanalyse von Uwe Krüger, dass führende Journalisten und Redakteure sog. Leitmedien, insbesondere der Süddeutschen Zeitung, der Welt, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Zeit eng mit NATO-eigenen oder Nato-nahen Thinktanks vernetzt sind und sich hieraus eine wohlwollende Berichterstattung zugunsten des transatlantischen Bündnisses teilweise erkläre.

In der anschließenden Diskussion wurde ergänzt, dass sich viele Medienschaffende selbst als politische Akteure verstehen und dabei eher der Elite zugehörig fühlen und deren Standpunkte vertreten würden. Außerdem wurde darauf hingewiesen, dass viele Nachrichten nicht auf eigener Recherche vor Ort, sondern auf Meldungen einer sehr überschaubaren Zahl von Agenturen beruhe, was einer genaueren Betrachtung hinsichtlich dadurch entstehender Schieflagen wert wäre.

Real War and Fake News: Die Kämpfe um Mossul und Aleppo (Joachim Guilliard)

Joachim Guilliard vergleicht die Berichterstattung über die Kämpfe um die Stadt Mossul einerseits und Aleppo andererseits. Obwohl die Stadt Mossul viel umfangreicher zerstört worden und bis heute ein Großteil der Flüchtlinge nicht zurückgekehrt sei, hätten zivile Opfer und sonstige Folgen der Luftangriffe in der Berichterstattung keine große Rolle gespielt. Die schrittweise Einnahme der Stadt durch Verbündete Deutschlands und der USA sei vielmehr mit Begriffen wie „Fortschritt“ oder „Erfolg“ konnotiert worden und Bilder siegreicher, vordringender Bodentruppen hätten dominiert.

Ganz anders sei hingegen die kurz zuvor begonnene Rückeroberung Aleppos durch die syrische Armee und deren Verbündete dargestellt worden. Dass sich die Offensive nur auf den Ostteil der Stadt beschränkte, sei zum Beispiel häufig untergegangen. Im Mittelpunkt standen hier Berichte über zivile Opfer, häufig von Bildern unterfüttert, die von Organisationen wie den White Helmets geliefert wurden, die gemeinsame Sache mit den Islamisten machten. Diese radikal-islamistischen und tw. Al-Kaida-nahen Kräfte seien beispielsweise vom Spiegel als „Aleppos letzte Hoffnung“ bezeichnet worden.

Soziale Medien als Kriegsmaschine? (Jacqueline Andres)

Jacqueline Andres stellt eine Studie der NATO zu „sozialen Medien als Instrument der hybriden Kriegführung“ vor. Darin würden vorrangig Beispiele der Aktivitäten Russlands, seiner Verbündeten und des Islamischen Staates in sozialen Medien beschrieben. So sei es der Syrian Electronic Army gelungen, in den Twitter-Account der Associated Press einzudringen und dort eine Meldung zu veröffentlichen, nach der US-Präsident Obama bei zwei Explosionen im Weißen Haus verletzt worden sei.

Obwohl die Falschmeldung schnell entlarvt wurde, gab es an der US-Börse daraufhin einen rapiden Kursverfall und Milliarden Verluste. Über vergleichbare eigene Maßnahmen berichte die NATO deutlich weniger, allerdings enthalte die Studie Angaben, die NATO habe soziale Medien auch als Quelle für die Zielortung genutzt, so seien etwa im Libyenkrieg Informationen über Truppenbewegungen von vor Ort an die NATO übermittelt worden.

Abschließend wird anhand der zwei aus verschiedenen Kontexten entstandenen Kampagnen zivilgesellschaftlicher Gruppen, „Kony 2012“ und „#BringBackOurGirls“ beschrieben, wie – vermeintlich für die Betroffenen vor Ort sprechend –  Zustimmung für die umfangreiche Stationierung US-amerikanischer Truppen auf dem afrikanischen Kontinent generiert wurde.


Audio

Was versteht das Europäische Parlament unter hybrider Kriegführung, Strategischer Kommunikation und Propaganda? (Christoph Marischka)

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0_Was_versteht_das_Europaeische_Parlament_unter_hybrider_Kriegfuehrung-_Strategischer_Kommunikation_und_Propaganda_-_Christoph_Marischka.mp3


Verzerrungen in der außenpolitischen Berichterstattung – Befunde und Erklärungsansätze (Christopher Schwitanski)

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Real War and Fake News: Die Kämpfe um Mossul und Aleppo (Joachim Guilliard)

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1b_Real_War_and_Fake_News_-_Joachim_Guilliard.mp3


Soziale Medien als Kriegsmaschine? (Jacqueline Andres)

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1c_Soziale_Medien_als_Kriegsmaschine_-_Jacqueline_Andres.mp3





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