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Podiumsdiskussion - Arabisches Filmfestival 2017

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion sprachen die Regisseurinnen Widad Shafakoj und Iman Kamel über ihre Filme und über das Thema Frauen in der arabischen Welt. Fabronia Murad kommt aus Syrien und lebt in Tübingen. Sie übersetzte und leitete die Podiumsdiskussion.

Werden Frauen in der arabischen Welt wirklich so unterdrückt, wie hier in Europa geglaubt wird? Um diese Frage sollte sich die Diskussion im Rahmen des Arabischen Filmfestivals 2017 drehen. Die Antwort lieferten die Regisseurinnen eher indirekt, in dem sie von ihren Filmen erzählten, mit denen sie einiges erreicht haben.

Widad Shafakoj ist in Jordanien geboren und lebt auch heute noch dort. Sie hat Innenarchitektur studiert, bevor sie als Designerin an verschiedenen Filmsets arbeitete. Schließlich begann sie Dokumentarfilme zu drehen, mit der Intention, für die Menschenrechte zu kämpfen. Widad sagt, dass eine Frau, das was sie erreichen will, auch erreichen kann. Es sei abhängig davon, wo sie lebt. Denn in vielen Teilen der arabischen Länder werden die Frauen unterdrückt und haben nicht die Möglichkeiten ihre Visionen zu leben.

Iman Kamel kommt aus Kairo. An der Uni der Künste in Berlin studierte sie Kunst, Tanz und Film. Seit über zwanzig Jahren arbeitet sie als Filmemacherin und hat bereits einige Auszeichnungen für ihre Filme erhalten. Iman ist eine moderne Nomadin. Sie lebte eine Zeit lang mit den beduinischen Frauen in der Wüste Sinai. In dieser Zeit drehte sie ihren Film "Nomad's Home", in dem sie das Leben der Beduinen aus nächster Nähe zeigt. Noch immer werden die Beduinen diskriminiert; Iman durfte den Film in Ägypten nicht zeigen.

"Ich spreche nicht von den Frauen in der arabischen Welt", sagt Iman. Sie sieht die Frauen als Menschen. "Wichtig für mich ist, dass wir weggehen von Bildern, Vorurteilen, Systematisierungen." Es gibt nicht die Frau in der arabischen Welt. Von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, von Familie zu Familie sind die Möglichkeiten und Perspektiven einer Frau unterschiedlich. "Die Frauen wollen keine sexuelle Freiheit, sie wollen ihr eigenes Leben führen.".

Iman erzählt von ihrer ersten Nacht in Deutschland. Damals nächtigte sie in einer Jugendherberge und stand dann am Abend vor ihrem Bett und wollte es beziehen. Da man in Ägypten die Betten jedoch anders bezieht als in Deutschland, musste sie jemanden darum bitten, ihr das Bett zu beziehen. Sie empfand ein großes Schamgefühl. "Der Kulturschock ist nicht in den großen Dingen, der Kulturschock ist in den kleinen Dingen.".

Für Widad persönlich ist es kein Problem, in anderen Ländern zurecht zu kommen, weil sie viel gereist ist und andere Kulturen kennt. Sie kommt aus dem Westen Ammans, der Hauptstadt Jordaniens. West-Amman ist sehr entwickelt und steht einer europäischen Hauptstadt in nichts nach. Es gibt Einkaufszentren, 5-Sterne-Hotels und eine gute Schulbildung. Der Osten Ammans wurde von der Entwicklung abgehängt. Die Kriminalitäts- und Armutsrate ist sehr hoch. Für die Frauen aus dem Osten Ammans sind andere Kulturen eine fremde Welt. Sie hätten große Probleme, sich in der westlichen Welt zu integrieren.

Widad erzählte von drei Dokumentarfilmen, die sie gedreht hat. "If you meant to kill me" handelt von drei Frauen, die freiwillig ins Gefängnis gingen, um dem Ehrenmord durch ihre Familien zu entkommen. Die Stimmen der Frauen wurden verstellt und die Gesichter nicht gezeigt, da dieses Thema sehr heikel ist und zu Problemen mit der jordanischen Regierung führte. Widad durfte den Film in den Kinos nicht zeigen. Dafür wurde er von Menschenrechtsorganisationen und auf Filmfestivals gezeigt. 

In ihrem ersten Studienjahr drehte Widad den Film "ID:000". Er handelt von Waisenkindern, die keine Identität hatten, geschlagen und vergewaltigt wurden. Als herauskam, dass sie den Film dreht, wurden die Kinder eingesperrt. Sie kämpfte für die Freilassung der Kinder - mit Erfolg. Widad beschloss den Film zu Ende zu drehen. Monatelang trug sie den Film mit sich herum und wusste nicht, wie sie ihn an die Öffentlichkeit bringen kann, ohne die Kinder und sich selbst in Gefahr zu bringen. Durch den Kontakt zu Prinz Ali kam der Film schließlich doch noch an die Öffentlichkeit: er zwang die Filmkommission dazu, den Film zu zeigen. "ID:000" evozierte ein neues Gesetz, durch das die Kinder nun eine Identität bekommen und von der Regierung unterstützt werden.

In "The Last Passenger" bringt Widad die dunklen Seiten der "Containerstadt" Zaatari im Norden Jordaniens zur Sprache. Auf ca. drei Fußballfeldern suchen um die 80.000 Flüchtlinge dort Schutz vor dem Krieg in Syrien. Sie musste sich mit versteckter Kamera einschleusen, um den Film zu drehen. "Es war wie ein Gefängnis. Wir durften nicht raus und nicht rein.", sagt Widad. Der Film zeigt, welche Bedingungen in dem Lager herrschen und wie Flüchtlinge versuchen aus dem Lager zu fliehen. "The Last Passenger" wurde im jordanischen Parlament gezeigt. Daraufhin haben die Flüchtlinge Identitätskarten bekommen, mit denen sie das Lager verlassen dürfen.

Widad und Iman sind Beipiele dafür, dass Frauen aus den arabischen Ländern was erreichen können. Auch wenn es in vielen Teilen der arabischen Länder Unterdrückung gibt und die Frauen, je nach Umfeld, mal mehr und mal weniger Möglichkeiten und Freiheiten haben. "Das Schönste am Filmemachen ist die Nähe zu den Menschen und zu merken, dass man mit einem einzigen Film etwas verändern kann.", sagt Widad. 


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