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Theater Lindenhof - Stefan Hallmayer

Das Theater Lindenhof ist nicht nur Theater, sondern auch Friseur, Café, Infostelle und Kino. Es ist ein Ort der kulturellen Begegnung. Baustellen- und Bauhaus-Stücke, Vielfalt und Partizipation - davon erzählte der Intendant Stefan Hallmayer.

Stefan Hallmayer ist Intendant, Regisseur und Schauspieler beim Theater Lindenhof in Melchingen auf der Schwäbischen Alb. Von Modernen Stücken, über Kleinkunst bis hin zu Konzerten und Outdoorprojekten wird dort alles geboten. 230 der 350 Vorführungen im Jahr finden in Melchingen statt. Die Restlichen in verschiedenen Gastspielorten in ganz Baden-Württemberg; vereinzelt sogar deutschlandweit. Das Theater Lindenhof ist die Brücke zwischen Land und Stadt, Provinz und Metropole, Dialekt und Hochsprache, Alb und Tiefland, Moderne und Tradition.

Zur Zeit wird in Melchingen gebaut. Trotz der modernen Sanierung, soll der Scheunen-Charakter des Theaters erhalten bleiben. Es gibt neue Toiletten und Arbeitsräume, das Theater wird barrierefrei sein und der Innenhof bekommt ein Dach. Durch die Bauarbeiten werden 100 Vorführungen wegfallen; die vielen Gastspielorte fangen den Engpass jedoch etwas ab. Klar, dass für Stefan damit auch Stress verbunden ist, aber das Schaffen von einladenden Räumen für Kunst gehört eben dazu. Man müsse den veränderten Bedingungen eben mit der entsprechenden Kreativität, Agilität und Zuversicht begegnen.

Selbst die Baustelle hält das Theater nicht vom Theaterspielen ab. Für drei Monate werden am 8. Dezember die Bauarbeiten unterbrochen. Dann startet die "Melchinger Winterreise" in zwei Formaten. Zum einen als Outdoor-Stück auf dem Himmelberg auf der Schwäbischen Alb und zum anderen quasi als "Baustellen-Edition" in dem Melchinger Theater. In dem Stück geht es um Flucht und Heimatlosigkeit, so dass der Baustellen-Flair dem Stück die ideale Kulisse bietet.

Durch die Vernetzung mit den verschiedenen Spielorten ist das Theater immer unterwegs. "Über das Reisen lerne ich mich zu bewegen". Und genauso hat das Lindenhof Theater gelernt, sich an verändernde Bedingungen anzupassen. Jede Vorführung ist eine andere, auch wenn das Stück dasselbe ist. Gibt es an dem einen Ort Standing Ovations, so kann es sein, dass die Zuschauer woanders den Saal türenknallend verlassen, erzählt Stefan.

Logistisch arrangiert sich das Theater durch ein eigenes System. Verschiedene Lagerplätze wurden angemietet, um Requisiten, Bühnenbilder, Stühle et cetera zu verstauen. Um mobil zu sein, gibt es eine Auflage für jede Produktion: 7,5-Tonner. Die Kapazitäten des Lkws dürfen nicht überschritten werden. Requisiten, Bühnenbild und alles, was sonst noch für die jeweiligen Vorführungen gebraucht wird, muss hineinpassen.

1994 erlangte das Theater den Status "Regionaltheater". Seitdem erhält der Lindenhof vom Land jährlich das Doppelte der kommunalen Einnahmen. Die kommunalen Mittel kommen aus den Landkreisen Tübingen, Reutlingen und Zollern-Alb, von der Sitzgemeinde Burladingen und den 20 Partnerstädten. Das Gesamt-Jahres-Budget beträgt 1,6 Millionen Euro. Davon kommen 300000 von kommunalen Einnahmen und 600000 vom Land. Der Rest wird durch Kartenverkauf, Tourneen und Sponsoren eingenommen.

Aktuell läuft der Mössinger Kulturherbst zum elften Mal in der Pausa. Kleinkunst, Kindertheater, Konzerte und natürlich klassisches Theater gibt es dort noch bis zum 17. Oktober zu sehen. Die Pausa ist ein besonderer Ort. In ihrem bald 100-jährigen Bestehen hat die Textilfabrik die demokratischen Bestrebungen in Deutschland mit Hoffnungen und Scheitern miterlebt. 1919 wurde sie von der jüdischen Familie Löwenstein gegründet. Die Firma unterstützte den Generalstreik gegen die Machtergreifung Hitlers; drei Jahre später wurde sie zwangsenteignet und arisiert. Manfred Lehmbruck verlieh ihr in der Nachkriegszeit den Bauhaus-Stil.

Den Randräumen der Peripherie, wie die Pausa, misst Stefan großes Potential bei. Räume, die nach einer Zukunft suchen und gleichzeitig deutsche Geschichte abbilden. Die Transformation von Industriebrachen in Kulturräume. Die vielen kreativen jungen Menschen bräuchten heute nur einen Laptop, schnelles Internet und ein schönes Café um die Ecke. Dann kann sich Kultur und produzierendes Gewerbe entfalten. Um dieses Potential auszunutzen, muss jedoch mehr in Interdisziplinarität (Zusammenarbeit von Akademikern, Künstlern und Handwerkern), Interkulturalität und Internationalität investiert werden. Denn: "Das Zusammenführen der größtmöglichen Unterschiedlichkeit löst den größtmöglichen schöpferischen Prozess aus.", erklärt Stefan. Veränderungen und Unterschiedlichkeit evoziert Verunsicherung. Dabei "hat die Pizza der Maultasche nicht geschadet.". Man muss Vielfalt als Chance zur Innovation sehen und lernen, damit umzugehen. Dazu brauche es Schulen, wie die Bauhaus-Schule, die damals Antworten auf die Veränderungen in der Gesellschaft, Industrie und Arbeitswelt fand. Und es braucht eine Bewegung der Privilegierten. Wie viel sind wir bereit uns zu bewegen, um die Chance der (kulturellen) Vielfalt zu nutzen? Räume wie die Pausa müssen genutzt werden, um diese (Zuver-)Sicht in der Gesellschaft zu verankern.

Im Rahmen des Mössinger Kulturherbstes wird "Das Prinzip Coop" zur Zeit in der Pausa-Bogenhalle gespielt. Stefan Hallmayer und Wolfgang Schnitzer haben das Stück inszeniert. Als ein "musikalisches Bühnenspiel mit Bauhaus im Untertitel" beschreibt Stefan das Stück. Sie greifen darin die Bauhausidee auf poetische und musikalisch-experimentelle Art und Weise auf.

Das Lindenhof Theater praktiziert die Form des partizipativen Theaters schon seit längerem. Worum es dort geht, erzählt Stefan anhand eines Beispiels. Stefans Lieblingserzählung von Schiller ist "Der Verbrecher aus verlorener Ehre". Darin stellt Schiller die Behauptung auf, dass kein Mensch als Verbrecher auf die Welt kommt. Erst die Umstände in der Welt treiben ihn dazu, sich aus der Welt herauszukatapultieren. Stefan hatte die Idee, dieses Stück mit Ex-Verbrechern auf die Bühne zu bringen. Also besuchte er eine Resozialisierungs-WG. Auf Sofas, um einen großen Aschenbecher herumsitzend, lasen sie dann zusammen das Stück. Auch wenn einige zunächst lachten, hatten sie wohl gemerkt, dass es eine Einladung zum Mitmachen und kein Casting war. Vier der Jungs spielten schließlich selber mit, zwei gestalteten das Bühnenbild. Während der Kooperation waren die Jungs jederzeit eingeladen, ins Theater zu kommen. Als "Der zerbrochene Krug" gespielt wurde, kamen sie alle in zwei VW-Bussen. "Die haben so gut ausgesehen! Alle mit weißen Hemden und Krawatten; die haben sich rausgeputzt und sind ins Theater gegangen. Und keiner von ihnen hatte jemals zuvor ein Theater gesehen. Das ist Partizipation.", erzählt Stefan begeistert.

Der Lindenhof hat sich außerdem im Rahmen des Trafo-Projektes Gedanken gemacht, wie die ländlichen Räume kulturell belebt werden können, um auch dem Trend zur Verstädterung entgegenzuwirken. In Melchingen gab es keinen Friseur. So hatte der Lindenhof die Idee, die Theater-Garderobe zwischen 10 und 17 Uhr zur Verfügung zu stellen. Jeden Dienstag ist dort nun Friseurmeister Preßler am Werk. Desweiteren wurde der Kartenverkauf zum Servicebüro erweitert. Zusätzlich bekommt man dort nun auch Touristeninfos, Wanderkarten oder gelbe Säcke. An einem Sonntag im Monat gibt es ein Erzählcafé sowie einen Kinotag.


Audio

Das komplette Interview mit Stefan Hallmayer

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Interview.mp3


Umbau des Theaters

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Sanierung.mp3


Standorte

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Standorte.mp3


Logistik

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Logistik.mp3


Finanzierung

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Finanzierung.mp3


Pausa

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Pausa.mp3


"Das Prinzip Coop"

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DasPrinzipCoop.mp3


Partizipation

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Partizipation.mp3


TRAFO-Projekt

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Trafo-Projekt.mp3



Bilder





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