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Die Augen des Weges

"Die Augen des Weges" ist ein Film über eine aussterbende peruanische Tradition. Die Verehrung der Mutter Erde, der Glaube an die Apus und die Würdigung des Saatguts - eine Spiritualität, die der Protagonist Hipólito durch seine Worte, die von der weiten Berglandschaft der Anden getragen werden, vermittelt.

Am 21. September, am Tag des Weltfriedens, fand die Premiere des Filmes "Los ojos del camino" (Die Augen des Weges) an über 350 Orten auf der ganzen Welt statt. Auch in Tübingen, in einem kleinen improvisierten Kino im Schlachthaus, wurde der Film gezeigt. Maja Tillmann Salas ist die Produzentin des Films, ihr Mann Rodrigo Otero der Regisseur. Majas Eltern, die mit dem Protagonisten Hipólito Peralta schon lange befreundet sind, waren bei der Vorstellung in Tübingen dabei.

Hipólito Peralta wohnt in Cusco, einer Großstadt im Zentrum der Anden und spricht Quechua, eine alte Sprache, die nur noch selten im Hochland gesprochen wird. Diese Sprache wird im Film beibehalten. Es gibt lediglich Untertitel in Spanisch, Englisch, Französisch und Deutsch. Hipólito führt noch ein Leben in der andinen Tradition. In dem Film wird er bei einer Wanderung durch die Berge und einigen Ritualen begleitet.

In dem traditionellen Glauben sind Mutter Erde und die Apus, genau wie wir Menschen, Wesen (beings), die reflektieren und fühlen. Mutter Erde gibt uns das Saatgut, das für eine Vielfalt an Essen sorgt. In Ritualen wie dem Pachamanca (Erdessen), wird das Saatgut und das Geerntete gewürdigt. Das Essen ist für jeden da, auch für diejenigen, die selber nichts geerntet haben. Es geht darum, mit seinen Mitmenschen und der Mutter Erde in Harmonie und Gemeinschaft zu leben.

Die Lebenden und die Toten sind ebenfalls über das Essen miteinander verbunden. Am zweiten November, am Tag der Toten (Día de los Muertos), wird ein Ritual abgehalten. Entweder wird das Lieblingsessen der Verstorbenen gekocht und zum Friedhof gebracht, oder man geht Essen und tut so, als ob die Verstorbenen da wären und bestellt für sie mit. Die Toten sind zwar in einer anderen Ebene des Seins, aber dennoch da.

Hipólito spricht eine einfache Sprache und trotzdem sind seine Worte sehr philosophisch. Seine Aussagen haben eine Universalität, die jedeN ansprechen. Eine Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig unterstützt, Freude am Leben, die Augen für den Lebensweg und seine Mitmenschen zu öffnen, die Würdigung des Essens und die Achtung und Dankbarkeit gegenüber der Mutter Erde - diese Botschaften Hipólitos sollte sich jedeR zu Herzen nehmen. In den Dorfgemeinschaften der Anden sprechen die Menschen eine solche Sprache und leben nach diesen Werten. "Manchmal können sie nicht lesen und schreiben, aber so können sie denken und fühlen.", sagt Majas Mutter begeistert.

Die Augen des Weges - der Name hat mehrere Bedeutungsebenen. Er steht zum einen dafür, dass auch der Weg ein reflektierendes und fühlendes Wesen ist, das Augen hat. Zum anderen ist der Name eine Metapher für das Leben eines jeden Menschen. Der Weg steht für das Leben; sozusagen für den Lebensweg. Die Augen bedeuten, dass man sich für den Weg des Lebens öffnen muss und andersherum, dass der Lebensweg einem die Augen öffnet. Der Lebensweg ist in dieser andinen Spiritualität seit der Geburt vorbestimmt. Man muss ihn nur finden. Das gelingt manchen sehr schnell und andere wiederum finden ihn nie. Um den Weg zu erkennen und das Beste daraus zu machen, müssen wir unsere Augen weit öffnen.

Das Gefühl für die Weite und das Tempo des Films beeindruckte die Zuschauer am meisten. Der Film wurde größtenteils auf 4000 Höhenmetern gedreht. Eine Höhe, in der die Luft sehr dünn ist, so dass man sich nicht schnell bewegen kann. So geht Hipólito auf seiner Wanderung ein sehr langsames Tempo. Die langen Aufnahmen der weiten Berglandschaft unterstreichen die meditativen Worte Hipólitos und lassen den Betrachter Teil dieser Weite und Langsamkeit werden. Man geht quasi mit Hipólito auf diesem philosophischen Weg.

Am Ende des Filmes schwingt in Hipólitos Worten die Hoffnung mit, dass diese Tradition und der Glaube nicht ausstirbt. Gerade in Zeiten, in denen Krieg und Hass verbreitet wird, sollten wir im Sinne seiner Worte auf unsere Mitmenschen und die Erde Acht geben und mehr Dankbarkeit und Liebe zeigen.

"Unsere Ältesten lehrten uns, wie man mit der Mutter Erde kommuniziert. Sie lehrten uns, uns gegenseitig bei der Arbeit zu helfen und mit den Bergen und Seen zu sprechen. All dieses Wissen sollte nicht verloren gehen. Egal wer du bist, oder was du tust, egal was dein Glaube ist - lass uns niemals unsere Mutter Erde vergessen. Sie füttert uns, sie nähert uns, wir leben in ihrem Schoß. Und letztendlich werden wir am Ende zu ihr zurückkehren.".


Audio

Download (15,17 MB)
DieAugenDesWeges.mp3



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