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An Bord der Seefuchs - Mission Menschenleben retten

Nick war an Bord der Seefuchs, mit der Mission Menschenleben zu retten. Welche Erfahrungen er an Bord machte, wie brisant die Fluchtsituation ist und warum sich die Rettungsorganisationen von der EU-Politik im Stich gelassen fühlen, erzählt Nick sehr lebendig.

Unter den Segeln der Rettungsorganisation Sea-Eye, die sich um Flüchtlinge vor der libyschen Küste kümmert, ging Nick vom 12. bis zum 26. August dieses Jahres an Bord des Bootes "Seefuchs". Die Mission war klar: Menschenleben retten. Doch dann wurde die 12-Meilen-Zone (Zone, die an den Mittelmeerküsten entlang verläuft und innerhalb der das jeweilige Land bestimmen darf) vor der libyschen Küste widerrechtlich auf 100 Meilen ausgeweitet, so dass die Mission scheiterte. Sollten Rettungsboote dennoch in die sogenannte "Search and Rescue"-Zone fahren, befinden sie sich in höchster Lebensgefahr. Den Booten droht Beschuss und Entführung.

Nick und seine Crew fuhren daraufhin so nah wie möglich an diese Zone heran und protestierten damit nicht nur gegen die libysche "Regierung", sondern auch gegen die EU-Abschottungspolitik. Sie spannten ein Transparent zwischen die Masten, auf dem geschrieben stand: "Shame on you, Europe!". Das Foto brachten sie über die Presse an die Öffentlichkeit.

Warum sich Europa schämen sollte, wird bei Nicks Erzählungen deutlich. Die EU-Politik macht den Rettungsorganisationen das Leben schwer. Es wird alles dafür getan, die Flüchtlinge von Europa fern zu halten. Flüchtlingsrouten und Grenzen werden geschlossen, und Gelder werden in Warlords, anstatt in die Bekämpfung der Fluchtursachen, gesteckt. Die angebliche "Regierung" in Tripolis verhindert die Flucht der Menschen und hält sie durch Maßnahmen, wie die 100-Meilen-Zone, von Europa fern. Die Flüchtlinge werden in Lagern an den Küsten gefangen gehalten und müssen unter menschenverachtenden Bedingungen für die "Regierung" arbeiten. Folter und Vergewaltigung gehören in diesen Lagern zum Alltag.

Freiwilligen Helfern, die wie Nick ihr Leben riskieren, um das Leben Anderer zu retten, werden durch diese Abschottungspolitik die Hände gebunden. Die Boote der Schlepper sind Billigfabrikate, die nicht hochseetauglich und zudem vollkommen überfüllt sind. In 100 Meilen Entfernung zur Küste würden, wenn überhaupt, nur noch Wracks und Wasserleichen geborgen werden können, meint Nick. Das löst bei den Helfern, verständlicherweise ein Gefühl der Ohnmacht und Wut aus, die sich gegen die EU-Politik richtet.

Europa verschließt die Augen vor diesem menschenunwürdigen Zustand. So hält sich Europa also die Migrationskrise und die damit einhergehenden schrecklichen Bilder von überfüllten Booten und ertrinkenden Menschen vom Leib. Gerade jetzt, wo Deutschland kurz vor den Wahlen steht, dürfen die Wähler doch nicht mit solchen Bildern verschreckt werden.

Nick erklärt auch, wie die Rettungsaktionen der NGOs normalerweise ablaufen. Es gibt Aufklärungsflugzeuge, die übers Mittelmeer fliegen und die entdeckten Boote einer Zentrale in Rom melden. Diese funkt dann das nächste Schiff einer Rettungsorganisation an. Dann beginnt die Suche. Mit Ferngläsern steht die Crew dann auf der Brücke und hält nach dem Boot Ausschau. Das sei wie eine Stecknadel im Heuhaufen zu suchen, beschreibt Nick.

Wenn das Boot dann gefunden wurde, wird zunächst vorsichtig Kontakt zu den Menschen aufgenommen, um Vertrauen zu gewinnen. Anderenfalls entstünde Panik. Die Menschen würden ins Wasser springen, um auf das große Boot zu gelangen, wobei viele ertrinken würden. Vom Schnellboot aus verschaffen sich die Helfer dann zuerst einen Überblick über die Situation. Schwangere oder Verletzte werden auf das große Boot gebracht, für alle ist auf dem 26 Meter langen Fischerboot der Sea-Eye kein Platz. Zur Erstversorgung der Menschen gehört das Verteilen von Schwimmwesten, Wasserflaschen und Müsliriegel. Bis dann die größeren Rettungsboote der Küstenwache ankommen, können durchaus acht bis neun Stunden vergehen.

Nick blickt kritisch in die Zukunft. Die neuen Fluchtrouten, die es geben wird, werden noch gefährlicher als die bestehenden oder bereits geschlossenen Routen sein. Und ob Europa sich der Migrationskrise und den Verstößen gegen das Völkerrecht annimmt, statt die Augen davor zu verschließen, ist fragwürdig.

Auch wenn die Enttäuschung über die gescheiterte Mission bei Nick und seiner Crew sehr groß ist, gab es dennoch schöne Momente. Auf Malta, wo Sea-Eye sein Basecamp hat, trafen sich einmal 120 Helfer verschiedenster NGOs (Ärzte ohne Grenzen, Save the Children, Seawatch...) zu einem Grillabend auf dem Dock, tauschten Erfahrungen und auch Enttäuschungen aus und zeigten sich gegenseitig die Schiffe.

Als kleines "Hippie-Boot" wurde die Seefuchs dabei getauft. Wenn Nick nachts auf dem Boot in der Hängematte lag und in den Sternenhimmel schaute, waren das vielleicht die Momente, für die sich die Strapazen gelohnt haben und neben der Mission Menschen zu retten auch der Grund, weshalb Nick jederzeit wieder mit Sea-Eye in See stechen würde.


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