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Margarete van Ess :: Vollblutarchäologin

Margarete von Ess ist Archöologin und arbeitet zur Zeit als wissenschaftliche Direktorin der Orientabteilung des Deutschen Archäologischen Instituts. Für sie geht es bei der Archäologie "nicht nur um schöne Funde", sondern vor allem um das Begreifen des Kontextes eines Obejkts, um daraus den Alltag der Vergangenheit zu erschließen.

Margarete van Ess wurde schon früh auf den Orient geprägt, da ihr Vater als Islamwissenschaftler tätig war und die Familie eine Zeit lang im Libanon lebte. In der Schule wurde ihr die europäische Antike näher gebracht. Beides zusammen brachte sie dann in Tübingen zur Orientalistik. Schon in ihrem zweiten Semester beteiligte sie sich an Grabungen im Irak. Mittlerweile ist sie jährlich im Schnitt 6 Monate auf Grabungen unterwegs.

Seit jeher verbindet sie mit dem arabischen Raum Gastfreundschaft, Geselligkeit, Tee und den Respekt für Freiräume. Klar müsse man sich in den Städten an die Sitten anpassen und wissen, welche Viertel man meidet, doch wer sich heimisch gibt wird schnell aufgenommen und geschützt. Auf dem Land herrsche sogar noch ein stärkeres nettes Miteinander und die Akzeptanz für "die Fremde" werde schnell aufgebaut.

Margarete van Ess ist nur bei starker Sonne oder in der Nähe religiöser Orte verschleiert. Sie merkt an, dass es in den 1980gern noch lockerer war in Kleiderfragen. Die Krisen der letzten Jahrzehnte in der arabischen Welt befeuerten jedoch Unsicherheit, welche mit einer Welle der Rückbesinnung auf ordnungsstiftende Traditionen beantwortet wurde, so erklärt sich van Ess die heutige erstarkte Traditionalität im Orient.

Wie sieht eine Grabung eigentlich aus? Was sind Aufgaben und Ziele?
Ziel ist zu beantworten, wann Menschen wie gelebt haben. Bevor es los geht fragt sich die Wissenschaftlerin, wo Wissen zu welchem Thema eigentlich noch fehle. Auch nach der Relevanz der möglichen Erkenntnisse für den Tourismus wird gefragt.

Daraufhin werden beim Auswärtigen Amt Geldmittel beantragt. Kontakte mit den arabischen Behörden werden erstellt und ortkundige Experten zu Rate gezogen. Um nun die archäologisch relevanten Orte aufzuspüren wird in Zusammenarbeit mit örtlichen Archäologen in der Landschaft nach menschlichen Eingriffen gesucht, auch mittels Satellitenbildern.

Die Bodenarbeit ist aber dadurch nicht zu ersetzen: Material, wie von den lokalen Arbeitern gefundene Keramiken, wird datiert und dessen Funktion bestimmt. Oft wird ganz einfach Jüngeres mit Älterem veglichen, oder die C14-Methode angewandt. Man will ja nicht nur Strukturen erkennen und einem Zeitpunkt zuordnen, sondern auch Objekte sichern, um daraus die Lebensumstände zu rekonstruieren.

Eine Ausgrabung hat noch weitere Erfolge: Es wird Arbeit am Ort geschaffen, junge Menschen werden ausgebildet, Interesse und Tourismus werden gesteigert. Es werden Perspektiven geschaffen. Das größte Problem bei Ausgrabungen sind weniger Terroristen, als vielmehr die Raubgräber und Artefaktenschmuggler, welche historische Gegenstände an westliche private Sammler verkaufen. Der materielle Wert des Diebesguts, somit auch der finanzielle Schaden, ist  für den Staat meist eher gering und über juristische Wege können sich Behörden einen Teil der Artefakte aus westlichen Privatsammlungen zurückholen, doch der archäologische Kontext wird durch den unprofessionellen Raubgräber zerstört.

Zur Zeit arbeitet Margarete van Ess an vier Prokjekten gleichzeitig, alle im Orient. Wir sind gespannt, was wir noch von ihr hören werden und welche Lebensumstände sie rekonstruiert.

Raffael Schulzki


Audio

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Interview_Margarete_van_Ess.mp3





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