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Michael Hanisch beschreibt die "Zeit im Dunkeln"

Am Samstag, den 05. März findet die Premiere "Zeit im Dunkeln" von Henning Mankell im Zimmertheater in Tübingen statt. Michael Hanisch, der leitende Dramaturg, erzählt eindrücklich von der Bedeutung dieses Theaterstücks in unserer Zeit.

Henning Mankell und Theater? Da stimmt doch was nicht - das heißt doch Henning Mankell und Kurt Wallander! "Das denken viele in Deutschland", schmunzelt Michael Hanisch, der als leitender Dramaturg und stellvertrendender Intendant beim Zimmertheater in Tübingen arbeitet. "Tatsächlich ist Mankell in Schweden auch als Theaterregisseur bekannt. In Afrika, genauer gesagt Mosambik, hat er sogar eine eigene Theatergruppe gegründet."

In Deutschland würde eher Mankell, der Krimi-Autor, im Vordergrund stehen. Dabei befasse er sich in seinen Stücken mit feinpsychologischen Kammerspielen, die auch Themen wie die Ehe thematisieren würden. "Ich selbst habe Mankell in Verbindung mit Theater kennengelernt, als eins seiner Stücke in meiner Schultheatergruppe behandelt wurde", klärt Hanisch auf. "Vorher wusste ich das auch nicht. Dabei merkt man genau, wie gut die Stücke gebaut sind, dass er weiß, wie man so schreibt, dass es gut ankommt und funktioniert, für die Spieler, den Regisseur und auch das Publikum", ergänzt er. "Zeit im Dunkeln" ist bereits 15 Jahre alt - dabei ist die Aktualität, die das Stück gerade jetzt erlangt hat, kaum zu verleugnen.

Die Geschichte erzählt von Vater und Tochter, die durch Schlepper in ein europäisches Land kommen, bei der Reise aber ihre Ehefrau, bzw. Mutter verlieren. Sie müssen mit dem Verlust einer geliebten Person zurecht kommen, sind gestrandet in einem unbekannten Land, deren Leute und Sprache sie nicht kennen. Da sie keine Papiere besitzen, verbringen Vater und Tochter die meiste Zeit im Untergrund - im Dunkeln. "

Dabei zeigen sich auch die Konflikte zwischen Vater und Tochter: Er projiziert die verstorbene Mutter auf sein Kind, hat Schutzwälle um sich herum aufgebaut, da er mit dem Tod seiner Frau nicht zurecht kommt, während seine Tochter ihn für den Tod der Mutter verantwortlich machen möchte", erzählt Hanisch. Dabei bleibe kein Raum für die Trauer, kein Körper und kein Grab für die Verstorbene - und auch kein Ort des Ankommens. Während die Tochter versucht, sich in ihrer neuen Situation zurecht zu finden, verweilt ihr Vater in Tagträumen und Fantasien. Durch die Entwurzelung und Heimatlosigkeit entsteht eine große Sehnsucht, in einem fernen Land neu anzufangen - doch gerade diese illusorische Hoffnung kann das Weiterleben verhindern.

Diese emotionale Geschichte trifft den Nerv der Zeit. Dabei ist es Hanisch wichtig, zu betonen, dass gerade Mankell immer schon gesellschaftskritisch, politisch und moralisch eine große Rolle gespielt hat. Noch kurz vor seinem Tod habe er sich dafür ausgesprochen, die Grenzen offenzuhalten und die Geflüchteten reinzulassen - und sie dann auch wahrzunehmen.

In dem Stück lasse sich kein Verweis auf andere Kulturen finden, denn gerade damit soll gezeigt werden: Es könnten wir alle sein. In anschließender Gesprächsrunde darf die Thematik kontrovers diskutiert werden. "Rechtsradikales Gedankengut findet man auch in Baden-Württemberg. Es ist daher wichtig, sich mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen. Solange man gut miteinander reden kann, freut uns das eher. Wir sind gut vorbereitet und sind gespannt auf eine rege Publikumsdiskussion", erklärt Hanisch abschließend.

Die Premiere, die am Samstag, den 05. März stattfindet, ist bereits ausgebucht. Dafür gibt es vier weitere Vorstellungen am 9., 10., 17., und 18. März.


Audio

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Interview_MichaelHanisch_-_lang.mp3


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Interview_MichaelHanisch_-_kurz.mp3





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