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Klientelpolitik (G)astronomischen Ausmaßes




Offener Brief der Ract! - VeranstalterInnen an Gemeinderat und OB






Der Gemeinderat hat entschieden: Der Park am Anlagensee ist jetzt reserviert fürs Public Viewing zur Weltmeisterschaft im Juni 2010. Weichen muss dafür das Ract! festival. Im Ringen um den Anlagenpark fand der WM-Park der Tübinger Gastronomen mehr Stimmen als das Jugendfestival mit politischem Anspruch. Gegensätze prallen aufeinander. Vier Wochen Gastro-Event mit nationalfahnenschwingenden Menschenmassen gegen drei Tage Workshops und Konzerte. Ehrenamtliches Jugendengagement gegen kommerzielle Interessen alteingesessener Gastronomen. Das Votum für den WM-Park könnte das Aus für eines der größten kostenlosen Jugendfestivals bedeuten. Ob das Ract! festival an einem anderen Ort oder zu einem anderen Termin stattfinden kann, ist mehr als fraglich. Der alte Botanische Garten ist im Gespräch, doch der zuständige Leiter des Bau- und Vermögensamtes lehnt das ab. Auf dem Festplatz scheint es ebenfalls unmöglich. Damit opfert die Stadt womöglich eines der beliebtesten Jugendfestivals in Süddeutschland zu Gunsten der fußballglotzenden, grölenden Horden. Die Veranstalter des Ract! festivals haben sich nun in einem offenen Brief an die politisch Verantwortlichen gewandt, den wir hier im Folgenden veröffentlichen möchten:

Sehr geehrte Gemeinderätinnen, sehr geehrte Gemeinderäte, sehr geehrter Herr Palmer,

durch Beschluss des Gemeinderates vom 14. Dezember 2009 wurde der Antrag der VeranstalterInnen des Ract! festivals, auch 2010 das Ract! festival am Anlagensee im geplanten Zeitraum stattfinden zu lassen, abgelehnt. Wir möchten, als VeranstalterInnen, Stellung beziehen.

Die Art und Weise, wie die OrganisatorInnen in die Beratungen mit einbezogen wurden, widerspricht den oftmals geäußerten Lobreden auf das Festival. So wurden wir weder offiziell in den Ausschuss für Wirtschaft, Finanzen und Verwaltung noch in den Gemeinderat eingeladen und angehört, um unseren Standpunkt darzulegen. Ferner wurden wir nicht zur Informationsveranstaltung mit den AnwohnerInnen und ‚Betroffenen’ am 10. Dezember 2009 geladen.

Auf der anderen Seite scheint die Kommunikation mit TüGast bedeutend ergebnisorientierter abgelaufen zu sein. Wir halten diese Klientelpolitik für höchst unfair und erteilen der Stadt die ‚Rote Karte’!

Nun sieht die Situation so aus, dass TüGast zwei lang andauernde Veranstaltungen, beide zum gewünschten Termin, veranstalten darf, während die OrganisatorInnen des Ract! festivals entweder zeitlich oder örtlich ausweichen müssen. Dass dies nicht so einfach ist, kann der Gemeinderat nicht wissen, da wir schließlich nicht eingeladen waren.

Gegen eine Terminverschiebung des Ract! festivals spricht der enorme Bedarf an ehrenamtlichen HelferInnen, der zu Ferienzeiten nicht gedeckt werden kann. Zugleich müssen wir Rücksicht auf Klausurenphasen an Uni und Schulen, andere Großveranstaltungen in der Region und nicht zuletzt, das zu erwartende Wetter nehmen.

Auf Anfrage, was sich OB Boris Palmer unter „genügend Ausweichmöglichkeiten“ vorstelle, wurde uns in einem geringschätzigen Ton mitgeteilt, dass wir auch auf den Festplatz oder den Alten Botanischen Garten ausweichen könnten. In der Beschlussvorlage 431/2009 wird auf Seite 5 jedoch dargelegt, dass der Festplatz aufgrund bereits genehmigter Veranstaltungen für uns ausscheidet.

Davon abgesehen, wäre der Festplatz wegen mangelnder Infrastruktur, seiner Lage und der Verkehrsanbindung für uns inakzeptabel. Als VeranstalterInnen des Ract! festivals fragen wir uns darüber hinaus, inwiefern die Lärmschutzverordnungen, die zehn Tage für „seltene Störereignisse“ nun mit den insgesamt 38 Veranstaltungstagen der TüGast vereinbar sind. Denn eine Videoleinwand kann man leise stellen, den Torjubel der Fans jedoch nicht.

300 ehrenamtliche HelferInnen und rund 30 OrganisatorInnen (mit insgesamt ca. 5300 freiwilligen und unbezahlten Arbeitsstunden pro Jahr) bedanken sich für das entgegengebrachte Vertrauen und erwarten in Zukunft nicht nur Lobreden sondern eine konstruktive Kooperation. Unsere weitere Planung zur Durchführung des Ract! festivals 2010 fokussiert sich nun auf den Alten Botanischen Garten. Für das Ract! festival 2010 und darüber hinaus wünschen wir uns die Unterstützung durch die Stadt, die in den vergangenen Jahren auch dazu beigetragen hat, das kulturelle und politische Programm der Stadt mit dem Ract! festival zu bereichern.

Mit freundlichen Grüßen
Andreas Hässler und Gesine Kästner im Namen des
Act! Vereins zur Förderung politischer Bildung und Partizipation e.V."



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